Ist Ver.di die Öffentlichkeit wichtiger als die Lohngerechtigkeit?

01.07.2014

185.000 Menschen sind laut BDSW (Bundesverband der Sicherheitswirtschaft) bei den deutschen Sicherheitsdienstleistern beschäftigt. Sie alle arbeiten in einem Niedriglohnsektor, was ihnen eigentlich die Aufmerksamkeit der zuständigen Gewerkschaft ver.di sichern sollte, denn speziell in diesem Bereich könnte man sehr gut auf Missstände aufmerksam machen und für die Mitarbeiter kämpfen. Man könnte es – aber anscheinend hat man bei der Gewerkschaft kein Interesse daran. Schon die Einführung des Mindestlohnes 2011 basierte nicht auf dem Wunsch der Gewerkschaft (wie es zu erwarten gewesen wäre), sondern kam auf Betreiben der Arbeitgeber (!) zustande. Bei den teilweise wirklichkeitsfremden Tarifverträgen sieht man seit Jahren nur marginale Verbesserungen.

Der Laie fragt sich, woran das liegt. Die Antwort ist recht einfach. Nur ein Bruchteil der Sicherheitsmitarbeiter ist gewerkschaftlich organisiert, entsprechend niedrig ist das Interesse der Gewerkschaft, für diese etwas zu tun. So findet sich das Gewerbe im Organigramm von Ver.di im Fachbereich 13 ("Besondere Dienstleistungen") wieder. Anders ausgedrückt: Man parkt es unter "Sonstiges" oder "Der ganze Rest, den man betreuen muss, für den sich jedoch keiner so recht interessiert". Außerdem hat die Sicherheitsbranche nicht den besten Ruf im Land – man kann wohl nicht so viel Staat machen, wenn man sich hier engagiert.

In einem ganz bestimmten Bereich der Sicherheitsdienstleistungen ist dies jedoch anders. Sobald es um Mitarbeiter an Flughäfen geht, zeigt die Gewerkschaft Flagge, treibt Streikaktivitäten voran, karrt Mitarbeiter zu Veranstaltungen (z. B. Luftsicherheitstage), die der BDSW (mit-)organisiert und sorgt mit aberwitzigen Lohnforderungen für Aufsehen in der Presselandschaft.

Der Sicherheits-Berater hält es für wenig wahrscheinlich, dass Ver.di die Sicherheit des Luftverkehrs und seiner Passagiere in so besonderer Weise am Herzen liegt, dass man hier solche Präsenz zeigen muss. Viel eher dürfte der Grund in der Tatsache liegen, dass man in diesem Bereich eine enorme mediale Aufmerksamkeit erzielen kann – vor allem in der Urlaubszeit, wenn viele auf ihren Ferienflieger warten.

Ver.di hat es in den vergangenen Jahren geschafft, dass die Lohnsteigerungen der Sicherheitsmitarbeiter, die Passagierkontrollen nach § 5 LuftSiG sowie Personen- und Gepäckkontrollen nach § 8 LuftSiG durchführen, weit über dem Durchschnitt der übrigen Tarifanpassungen im Gewerbe lagen. So stiegen beispielsweise die Löhne der ersten Gruppe in Nord-rhein-Westfalen zwischen 2011 und 2013 um sagenhafte 22 Prozent, die der zweiten Gruppe um knapp 21 Prozent. Im gleichen Zeitraum wurde der Einstiegslohn um lediglich 1,05 Euro (ca. 13 Prozent) angepasst, der Lohn für die Fachkraft für Schutz und Sicherheit um ganze 0,96 Euro (9,8 Prozent). Hier wurde also eine vergleichsweise kleine Sparte ganz massiv bevorzugt. Zur Verdeutlichung: Lediglich neun Prozent aller Sicherheitsmitarbeiter arbeiten im Bereich der Flughafensicherheit. Also 91 Prozent der Beschäftigten verdienen viel weniger.

Ver.di argumentiert (sicher nicht zu Unrecht) mit der hohen Verantwortung, die Mitarbeiter an Flughäfen bei der Kontrolle von Personen und Fracht haben. Allerdings hat man dabei aus den Augen verloren, dass Löhne auch immer das Verhältnis von Ausbildungshöhe zum Einkommen widerspiegeln sollten. Jemand, der einen Beruf gelernt und eine Gesellenprüfung abgelegt hat, sollte mehr verdienen als jemand, der nur eine vergleichsweise kurze Schulung für seine Tätigkeit absolvieren musste.

Mitarbeiter in der Passagierkontrolle an Flughäfen erhalten heute mit die höchsten Löhne im Sicherheitsgewerbe. Um in diesem Bereich arbeiten zu dürfen, müssen sie sich einer 160-stündigen Schulung und einer Prüfung unterziehen. Zum Vergleich: Die Ausbildung zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit dauert drei Jahre.

Der Sicherheits-Berater gönnt es sicherlich jedem, dass er mit einem vergleichsweise geringen Aufwand eine gut bezahlte Stelle erhält. Gleichzeitig warnt er aber vor zwei möglichen Auswirkungen dieser Schieflage in den Tarifverträgen:

  1. Das Sicherheitsgewerbe leidet bereits heute unter einem spürbaren Fachkräftemangel. Geht die Schere zwischen den Löhnen wie in den vergangenen Jahren weiter auf, steht zu erwarten, dass ausgebildete Fachkräfte eine vergleichsweise kurze Zusatzausbildung zum Luftsicherheitsassistenten machen und dem "Objektschutzmarkt" nicht mehr zur Verfügung stehen.
  2. Die Gewerkschaft will das Verhältnis zwischen Ausbildungshöhe und Lohn wieder zurechtrücken und verlangt für die Tarifgruppen, die man in den letzten Jahren vernachlässigt hat, nun ebenfalls einen großen Schluck aus der Pulle. Dadurch werden die gut qualifizierten Mitarbeiter aber so teuer, dass die Auftraggeber aus Kostengründen noch mehr als heute schon auf Kräfte zurückgreifen, die lediglich über den Unterrichtungsnachweis (§ 34a GewO) verfügen. Außerdem könnte manches Unternehmen auf die Idee kommen, die personelle Sicherheit doch wieder in die eigenen Hände zu nehmen.

Ver.di hat sich und die Tarifpartner durch die Bevorzugung eines sehr kleinen Segments in eine Ecke manövriert, aus der man nicht mehr herauskommt, ohne dass eine Seite deutliche Nachteile haben wird.


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