Wer denkt denn an so was?

01.09.2018
Schaden als Folge einer Prozesskette
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Feuerwehr Bornheim

Wenn Sie sich die Fotos ansehen, die die Feuerwehr Bornheim (bei Bonn) veröffentlicht hat (www.feuerwehr-bornheim.de, dort Einsatz 102) fällt es sicher auch Ihnen wie Schuppen von den Augen: Da hängen die Erdbeerfolien über den Starkstromleitungen und verursachen einen Kurzschluss, in dessen Folge Tausende von Haushalten nebst ortsansässiger Industrie (ein Petrochemiezentrum in Wesseling/Godorf zwischen Bonn und Köln am Rhein gelegen) ohne Strom auskommen mussten. Dass ein Wind (wenn auch ein Sturm) die Folien derart hoch geblasen hat, vermag man sich kaum vorzustellen. Und dass sie dort einen Kurzschluss verursacht haben, erscheint dem Laien nochmal unwahrscheinlicher: Trockene, unbeschichtete Folie leitet nämlich im Normalfall nicht. Feucht aber kann eine Folie sehr wohl leiten. Dummerweise hatte es kurz vorher einen Platzregen gegeben. Dass sie da oben durch den Kurzschluss auch noch Feuer fingen und dann wiederum durch brennendes Abtropfen das Stroh der Erdbeerunterlage des Feldes entflammten und einen größeren Flächenbrand zu verursachen drohten, wusste der Bornheimer Feuerwehrlöschtrupp glücklicherweise zu verhindern. Eine Kettenreaktion, die man nicht als Schadensereignis, sondern als einen Schaden-Entwicklungsprozess bezeichnen muss.

Der Hamburger Flughafen, auch ein KRITIS-Unternehmen wie die petrochemische Industrie an der Rheinschiene, war Thema in Heft 16 Seite 256 ff. des Sicherheits-Berater. Auch er zeigte Schwachstellen der Kritischen Infrastruktur auf.

Warum es "Schadensereignisse" eigentlich gar nicht gibt
Schäden sind in der Regel Ergebnisse eines Prozesses. Und dieser Prozess hat etwas mit den Grundvoraussetzungen von Prozessen – nämlich Mensch, Maschine und Zustand – zu tun. Eine Brandkatastrophe, die dem Autor vor ca. 40 Jahren diesbezüglich die Augen geöffnet hatte und seine Arbeit danach wesentlich beeinflusste, ließ sich in Prozessschritten vereinfacht darstellen: Es gab einen Großbrand mit einem Schaden von über 35 Millionen D-Mark in einem deutschen Industriebetrieb. Betroffen war vor allem die Logistik mit dem Lager höherwertiger Produkte. Was war passiert?

  • Mensch: Ein Handwerker führte Isolierarbeiten mit Steinwollematten aus. In dem Raum, wo er die Matten lagerte, stand ein alter Öltank in einer Betonwanne. Der Platz reichte nicht. Daher stellte er auch einige Matten in die Wanne. Er besaß seit einer Nebenhöhlenentzündung keinen ausgeprägten Geruchssinn mehr.
  • Maschine: Öltank mit vorschriftsmäßiger Betonwanne zum Auffangen auslaufenden Heizöls.
  • Zustand: Der Tank hatte eine leichte Leckage, zumindest war etwas Öl in der Wanne, das die Steinwollematten nässte. Die Matten sogen das Öl auf wie der Docht einer Petroleumlampe. Der Raum war recht dunkel und der Beton ebenfalls.
  • Mensch: Der Handwerker konnte das Öl nicht sehen und nicht riechen. Zum Abschluss der Arbeit: eine Zigarette. Kippe in die Wanne – war ja vermeintlich nur Steinwolle und Beton. Raum verlassen, Tür verschlossen.
  • Zustand/Maschine: Der Steinwolle-"Docht" entwickelt ein starkes Feuer. Eine durchgerostete Leckagestelle (Schweißnaht) öffnet sich. Über die Matten, die sich inzwischen alle vollsaugten,  verdunstet leichtes Heizöl. Es kommt zu einer Verpuffung, die die Revisionsluke zur Lagerhalle aufsprengt.

Flammen greifen auf Verpackungsmaterial und verpackte Fertigprodukte über. Durch eine weitere Verpuffung (die Ursache wurde nie geklärt) stürzt ein Schwerlastregal um und beschädigt die Sprinklerzuleitung. Das Wasser spritzte wirkungslos heraus. Anschließend war die 1.400 Quadratmeter große Halle samt Inhalt nur noch als Totalschaden zu bezeichnen.

Dieser Fall macht klar: Es gab ein auslösendes Ereignis – die weggeworfene Zigarette. Alles andere war ein Prozess, der durch den Menschen ausgelöst und durch den technischen Zustand befördert wurde.

Sicherheitsfachleute, die die Sicherheitsplanung bzw. die Gefahrenanalyse zuvor unter Prozessaspekten betreiben, haben wesentlich mehr Chancen, Gefahrenpotenzial zu erkennen und im Vorfeld eine Diagnose zur Gefahrenvermeidung vorzunehmen. Man sieht oft, dass Auffangwannen auch als Abstellplatz für brennbares Gut missbraucht werden. Das muss man sehen, denn der Dochteffekt ist kein unbekanntes Wesen für einen Kundigen.

Es wäre vermessen zu behaupten, der Schaden, verursacht durch die Folie eines Erdbeerfeldes, wäre voraussehbar gewesen. Ein Sicherheitsberater muss zwar die Fantasie eines Spinners besitzen – aber gleich so weit zu spinnen …? Künftig wird man solche Äcker unter Hochspannungsleitungen jedoch sicher mit anderen Augen betrachten, zumal die Extremwetter und die Wahrscheinlichkeit des Aufwirbelns nasser Folien zunehmen.

Problemlösungen sind nicht vom Bauern, sondern von den Netzbetreibern zu erwarten. Der Bauer stellt ja bekanntlich schon keine Kühe mehr auf Felder mit Hochspannungsleitungen, weil es erwiesen ist, dass der Milchertrag durch den Elektrosmog um bis zu 70 Prozent sinkt. Die Auswirkungen auf das Wachstum von Jungvieh sind noch nicht erforscht, aber man muss davon ausgehen, dass auch die Genetik der Rinder bei den starken elektromagnetischen Feldern beeinträchtigt wird. Also Weideland nicht zum Grasen, sondern höchstens zum Mähen.

Wenn nun unter den Leitungstrassen nicht einmal mehr Gemüse mit Folien unterlegt oder abgedeckt werden kann, dürften beachtliche Entschädigungsforderungen auf den Tisch kommen.

Hauptgeschädigte Branche des Bornheimer Folienkurzschlusses ist die Mineralölwirtschaft in Wesseling/Godorf (Köln). Zumindest eine Raffinerie hatte einen Totalausfall zu verzeichnen. Man spricht inoffiziell von "nur" 30 Millionen Euro  Betriebsunterbrechungsschaden. Bei so einem Totalausfall der Energie werden üblicherweise zwangsläufige Prozesse unterbrochen. Flüssige Aggregatzustände verhärten. Oft lassen sich Cracker, Kessel und Leitungen nicht wieder instandsetzen, sondern müssen ausgetauscht werden. Das kann die Schäden weiter in die Höhe treiben.

Der Sicherheits-Berater kennt einige Raffinerien, die die elektrische Versorgung der zwangsläufigen Prozesse mit ggf. hohen Unterbrechungsschäden durch umfassende Versorgungskonzepte aus Eigenstromerstellung und Versorgung von verschiedenen Lieferanten (Kraftwerken) über getrennte Leitungen zu beherrschen versuchen wie auch einige Flughafenbetreiber. Wenn man dann aber im Darknet Beschreibungen findet, wie man mit Drohnen Überlandnetze stören kann und wie gering die Mittel des Täters zur Eigensicherheit nur sein müssen, kann man zum Pessimisten mutieren. Ergebnis: Eigentlich hat unter Sicherheitsaspekten die dezentrale Eigenversorgung die höchste Sicherungswirkung. 

: : :  Rainer von zur Mühlen  : : :


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