"Hochstapler" als Sicherheitsrisiko

01.04.2020

Der vorliegende Fall basiert auf einem Sachverhalt, der bei einer Schwachstellenanalyse eines mittelständischen Betriebes im produzierenden Gewerbe zutage trat und zum kreativen Nachdenken anregen soll:

Die Sicherheitsberater wurden gerufen, um konzeptionelle, bauliche und technische Schwachstellen eines seit ca. 30 Jahren gewachsenen Industriebetriebes aufzudecken und Maßnahmen zu deren Beseitigung auszuarbeiten. Die Produktionsgebäude befinden sich innerhalb eines typischen stadtnahen Gewerbegebietes auf einem eingefriedeten Grundstück. Die äußere Grenze ist ausgeprägt als Stabgitterzaun mit einer Höhe von 2,00 Meter. So weit, so gut, man machte sich auf den Weg, um die Situation vor Ort in Augenschein zu nehmen.

Die Besichtigung des Geländes offenbarte an der Grundstücksgrenze eine unerwartete und ziemlich kritische Schwachstelle. Auf dem Nachbargrundstück hatte sich auch schon vor längerer Zeit ein Baustoffhandel angesiedelt, der sein Grundstück als Lagerfläche für allerlei Gut benutzte. Der thematische Schwerpunkt dieses Baustoffhandels lag offenkundig im Bereich Tiefbau, Straßenbau sowie Garten- und Landschaftsbau. Die Einlagerung der Bauteile geschah oft auf Europaletten, die dann irgendwann auch einmal leer wurden. Diese leeren Paletten stapelte der Baustoffhändler platzsparend an der Grundstücksgrenze bis auf eine geschätzte Höhe von 2,50 Meter. Damit überragte er den Zaun an der Grenze zum Produktionsbetrieb nennenswert und bot potenziellen Angreifern ein gutes und fast schon komfortables Hilfsmittel zur Überwindung der Zaunanlage.

Macht ja nichts, könnte man sagen, es wird ja entweder am Zaun oder zumindest in dessen Nahbereich irgendwie eine Detektionstechnik geben, die den Überkletterer erkennt. Jedoch wäre dies, selbst wenn es die Technik gäbe, sehr inkonsequent, denn die angedachte Sicherheitsmaßnahme zur Einfriedung des Grundstückes besteht offenkundig aus einer mechanischen und einer meldetechnischen Komponente. Ist die mechanische Komponente, also der Zaun unwirksam, fehlt die fundamentale Eigenschaft des möglichst langen Zurückhaltens der Täterschaft bei gleichzeitig frühestmöglicher Detektion. Wäre die Detektion in diesem Falle als Zaunsensorik ausgebildet, wäre sie darüber hinaus sogar unwirksam, da ein Täter auf den Palettenstapel steigen und herunterspringen könnte, ohne den Zaun zu berühren und die Meldetechnik auszulösen.

Deshalb kommt ein Ignorieren der Situation nicht in Frage. Also vielleicht den Zaun erhöhen? Dies wurde in der Tat erwogen, jedoch wurde schnell deutlich, dass die Fundamentierung der Zaunsäulen sowie die mechanische Ausprägung der Säulen selbst ein solches Vorhaben nicht ohne Weiteres zuließen. Trotzdem wurde es als Maßnahme inklusive Ertüchtigung der Fundamente und der Säulen vorgeschlagen, aber eher, um das Schutzniveau insgesamt zu erhöhen. Nachhaltig kann so das Problem des Palettenstapels nicht gelöst werden, denn würde man noch einen Meter Zaun obendrauf setzen und sinnigerweise einen abgewinkelten Übersteigschutz vorsehen, könnte auch der Nachbar noch ein paar Paletten obendrauf legen. Diese "Rüstungsspirale" lässt sich rein durch die Erhöhung des Zaunes nicht bewältigen.

Der nächste Gedankengang wäre, dass es sich auch bei dem Nachbargrundstück um ein komplett eingefriedetes Gelände handelt, auf dem schützenswertes Gut lagert. Zudem findet ein regelmäßiger Nachtverschluss statt und man könnte somit sagen, dass das Risiko, dass dort ein Eindringtäter reinkommt, der es auf den Produktionsbetrieb abgesehen hat, eher gering ist. Das ist aber auch eher ein schwacher Trost, denn bei einem Grundstück außerhalb der eigenen juristischen Grenze hat man keinerlei Möglichkeiten zur Einflussnahme des Geschehens dort und zur Durchsetzung irgendwelcher Sicherheitsmaßnahmen. Damit ist diese Fläche unabhängig von deren Schutzniveau prinzipiell erst einmal als "Feindesland" zu betrachten.

So langsam werden die Möglichkeiten zur Reaktion auf den beschriebenen Sachverhalt etwas dünn. Das Sinnvollste, was an dieser Stelle getan werden kann, ist das Prinzip "Kooperativer Nachbar". Man ist ja hier nicht im Häuslebauer-Bereich, wo üblicherweise über den zaunnahen Apfelbaum auf dem 250-Quadratmeter-Grundstück gestritten wird. Teilen sich zwei Gewerbebetriebe eine gemeinsame Grundstücksgrenze, sollte man vielmehr davon ausgehen, dass beide in der Lage sind, das Thema einmal professionell und lösungsorientiert zu erörtern, da es mit Sicherheit ein gemeinsames Interesse gibt.

Denn augenscheinlich handelt es sich bei dem Palettenstapel auch um ein Risiko und eine Schwachstelle für das schützenswerte Gut des Baustoffhändlers. Baustoffe aus dem Tiefbaubereich haben, gerade wenn sie prominent gelagert und damit von außerhalb gut einsehbar sind, sicherlich eine gewisse Anziehungskraft. Das oben Ausgeführte zu fehlenden Durchsetzungsmöglichkeiten von Sicherheitsmaßnahmen auf Fremdgrundstücken betrifft den Nachbarn jedoch ebenfalls, somit könnte man von einer gemeinsamen Risiko- und Interessenlage ausgehen.

Und wenn man es in einem vernünftigen Gespräch geschafft hat, den Nachbarn für die Problematik zu sensibilisieren, sollte es leichtfallen, ein paar gemeinsame Maßnahmen zu benennen.

Maßnahmen

  • Beidseitiges Freihalten eines definierten Bereichs vor dem Zaun, insbesondere kein Abstellen von Lagergut oder Verpackungsmaterial. So können keine Hilfsmittel zum Aufstieg oder zum Übersteigen mehr vorhanden sein.
  • Vermeiden von betriebsmäßigen Bewegungen beidseitig des Zaunes, insbesondere das Nutzen der Freifläche als Verkehrsweg. So schafft man die Möglichkeit für viele Detektionssysteme, mit geringer Falschalarmquote zu funktionieren.
  • Regelmäßige Pflege der Zaunanlage, insbesondere Freihalten von Bewuchs, Instandhaltung der Oberflächenbeschichtung, Inspektion der Fundamente, Verschraubungen und Sicherungseinrichtungen.

Im vorliegenden Fall ist es, wie allgemein üblich, so, dass es auf der Grenze keine zwei Zaunanlagen gibt, sondern nur die eine, aufgestellt von dem Produktionsbetrieb, der die Sicherheitsanalyse in Auftrag gegeben hat. Somit gehört der Zaun diesem und er besitzt ein Eigentumsrecht. Mit dieser Konstellation hat man gute Chancen, den gemeinsamen Schutz der Zaunanlage ein wenig besser hinzubekommen.

: : : Jörg Schulz : : :


Dieser Beitrag ist Bestandteil von:


Ein Beitrag des Informationsdienstes

Sicherheits-Berater
TeMedia VerlagsGmbH

Kontakt:
Alte Heerstr. 1
53121 Bonn

Tel. +49 228 96293-80
Fax +49 228 96293-90
E-Mail: info@sicherheits-berater.de
Internet: www.sicherheits-berater.de