Sinn oder Unsinn von Thermalkameras zur Fiebermessung

01.05.2020

Hurra, es ist Krise. Wir haben es mit einem unsichtbaren Feind zu tun, der unser öffentliches Leben praktisch lahmlegt. Und in jeder Krise gibt es hilfreiche und weniger hilfreiche Ideen, diese zu meistern. Manche Branchen oder Unternehmen fühlen sich mit ihrer Technologie berufen, uns zur Seite zu springen und etwas dazu beizutragen, dass wir die Krise überwinden. Meinen sie jedenfalls. So erreichen uns in diesen Tagen viele Pressemeldungen bezüglich der videobasierenden Erkennung der Körpertemperatur von Menschen. Natürlich sind es vornehmlich die Hersteller von Videosystemen, die "ganzheitliche" Lösungen, also inklusive Bedienplatz, Stativ und Handthermometer anbieten. Fehlt nur noch der Coronaschnelltest und eine Rolle Frischhaltefolie, in die man die Überführten am Besten sofort nach Erkennung des kritischen Zustands einwickeln sollte …

Die Thematik lässt einmal mehr lehrbuchhaft erkennen, wie mit dem Thema Sicherheit viel zu oft umgegangen wird. Einem gewissen Aktionismus von Verantwortlichen geschuldet wird hier eine technische Einzelmaßnahme erwogen oder etabliert. Das Problem dabei: Sicherheit benötigt keine Einzelmaßnahmen, sondern Prozesse. Und wenn es in einer Organisation oder einem Unternehmen keinen Prozess gibt, in den sich die Einzelmaßnahme Fibermessung eingliedern lässt, wird das Ganze nicht funktionieren. Vergleichbar ist das Ganze mit einer Einbruchmeldetechnik, deren Alarmmeldungen nicht nachgegangen wird, weil erstens die Melder ständig Fehlalarme erzeugen, weil sie nicht fachgerecht ausgewählt und installiert wurden, und es zweitens niemanden gibt, der sich so richtig darum kümmert.

Die Branche hat dieses Problem erkannt und liefert uns diverse beispielhafte Anwendungsszenarien mit. Eines dieser Szenarien aus Sicht der Hersteller wäre die Anwendung in Rathäusern. Hier müsste "zur Krisenbewältigung und Organisation von Hilfsmaßnahmen reibungslos" gearbeitet werden können. Nun stelle man sich einmal ein übliches Rathaus oder eine Stadtverwaltung vor. Oft haben solche Gebäude eine Vielzahl von Zugängen, will man doch Offenheit und Bürgernähe demonstrieren. Im Grunde müsste also das Gebäude baulich und technisch so umstrukturiert werden, dass das Thema Zugang viel restriktiver stattfindet. Und dann? In der Folge müsste eine Intervention erfolgen, bevor der Betroffene zum ersten Mal gehustet hat. Irgendwie undenkbar.

Ein zweites Szenario aus Sicht der Hersteller betrifft den öffentlichen Nahverkehr. Hierzu heißt es, dass "stationäre Temperatur-Messsysteme an neuralgischen Verkehrsknotenpunkten und als mobile Systeme in den Fahrzeugen mehr Sicherheit für die Fahrgäste schaffen". Die Frage bleibt, wie sie das denn schaffen. Ein sinnvolles Eingreifen im Detektionsfall im dichten Gedränge des Berufsverkehrs ist kaum denkbar.

Die goldene Ananas hingegen verleihen wir einem Hersteller, der den Mund noch voller nimmt. Es handelt sich um einen deutschen Kamerahersteller, der seine Systeme mit einer Temperaturerkennungs-Applikation aus der Chemie-Industrie kombiniert. Hierzu lesen wir: "Es gibt zurzeit eine erhöhte Nachfrage nach Thermalkameras. Diese können allerdings nur Hautoberflächentemperaturen messen und keinesfalls Infektionen erkennen. Mit der Lösung von ### können solche Messungen um einiges zuverlässiger vorgenommen und zielgerichteter eingesetzt werden." Technologisch bedingt kann aber die Analyse nun mal nur Temperaturen messen und keine Infektionen erkennen. Oder wurde hier dann doch das "Coronaskop" erfunden?

Wir wollen natürlich keinesfalls in Abrede stellen, dass diese technische Maßnahme im Zuge eines sinnstiftenden Prozesses auch zielführend eingesetzt werden kann. Erwägt man ein solches Vorgehen, sollte man sich aber im Vorfeld einige Fragen stellen:

Gibt es eine Rechtsgrundlage bzw. ein Schutzziel und damit eine Rechtfertigung zum anlasslosen Erheben und möglicherweise Speichern der besonders heiklen personenbezogenen Gesundheitsdaten? Zu diesem wohl wichtigsten Problem wird in aller Regel keinerlei Aussage getroffen.

  1. Gibt es an neuralgischen Punkten der Zuwegung, der Erschließung oder im Bereich von Verkehrswegen sinnvolle Punkte zur Detektion? Hierfür müsste der Personenstrom so organisiert sein, dass Betroffene zielgerichtet "abgefangen" werden können.
  2. Gibt es im Falle einer Detektion eine Möglichkeit der immediaten (unmittelbaren) Intervention? Das einzig Denkbare ist hier das unmittelbare Besetzen der Kontrollstelle direkt vor Ort, um direkt Einfluss nehmen zu können.
  3. Gibt es weiterhin eine für den Intervenierenden gefahrlose Möglichkeit des Verbringens der betroffenen Person in eine Quarantänesituation? Die bauliche Situation müsste dies ermöglichen.
  4. Wie geht man mit den Restrisiken um? Es gibt fieberhafte Erkrankungen, die nicht dem Corona-Virus zuzuordnen sind. Gleichzeitig gibt es völlig asymptomatische Verläufe von COVID-19. Bei beiden würde eine Messung der Körpertemperatur falsche Ergebnisse liefern, wenn das Ziel sein soll, Coronafälle zu erkennen.

Wieder einmal zeigt sich, dass es sich lohnt, die Angaben und Versprechen der Hersteller kritisch zu hinterfragen und mit gesundem Menschenverstand zu analysieren. Es muss nicht alles schlecht und sinnlos sein, aber es empfiehlt sich, vor dem Etablieren von möglicherweise aktionistisch geprägten Ad-hoc-Maßnahmen einmal über die Sache zu schlafen.

: : : Jörg Schulz : : :


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