Liebe Leserinnen und Leser,
kürzlich postete der Bundesverband der deutschen Sicherheitswirtschaft (BDSW) e. V. auf LinkedIn Statistiken zu den Beschäftigten in der privaten Sicherheitswirtschaft. Mit Zahlen ist das ja immer so eine Sache. Für sich betrachtet sind sie erst einmal nur Zahlen. Erst durch Einordnung und Aufnahme in einen Bezugsrahmen – z. B. eine vergleichende Darstellung – erhalten sie Aussagekraft und Interpretation. Hier ist der gewählte Bezugsrahmen wichtig.
Der BDSW verfolgt mit solchen Darstellungen Interessen – wie jeder Verband legitimerweise. Die Einordnung soll vermutlich ein möglichst positives Bild des Sicherheitsgewerbes und dessen gewachsene Bedeutung für die Sicherheitsarchitektur Deutschlands sowie für den Arbeitsmarkt insgesamt vermitteln. Das gelingt, denn die Zahlen sind für sich betrachtet durchaus beeindruckend. Der Sicherheits-Berater ist jedoch dafür bekannt, solche Angaben auch anders zu interpretieren. Hinterfragen wir also einige der Angaben des Verbandes, um das Bild hoffentlich zu vervollständigen.
1. „35,6 % Beschäftigungswachstum seit 2014“. Würde man den Bezugspunkt nur um ein Jahr auf 2015 verschieben, wäre das Wachstum mit rund 17,7 % nur noch halb so groß. 2015 gab es mit der Flüchtlingskrise einen Sondereffekt, der sich natürlich ganz erheblich auf den Mitarbeiterbedarf der Unternehmen auswirkte. De facto handelte es sich um ein unvorhergesehenes Konjunkturprogramm für das Sicherheitsgewerbe. Zwischen 2016 und 2022 stagnierten die Beschäftigtenzahlen zeitweise und stiegen in diesem Zeitraum insgesamt nur um ca. 6,1 %.
2. Alter: „von jungen Berufsanfängern bis zu erfahrenen Kräften über 60“. Zu dieser Aussage allein könnte man einen eigenen Artikel schreiben. Aus einem Schaubild des BDSW geht hervor, dass mehr als 77.000 der knapp 277.000 Sicherheitsmitarbeiter in Deutschland, also fast
28 %, älter als 55 Jahre sind. Gut 7,8 % des Personals haben das Rentenalter bereits erreicht. Damit ist das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht. Im Rahmen meiner Tätigkeit habe ich Sicherheitsmitarbeiter kennengelernt, die mit Mitte 70 noch zur Alarmverfolgung ein-
gesetzt wurden. Den „Rekord“ hält ein Mitarbeiter, der zum Zeitpunkt seines Dienstes 83 Jahre alt war. Bitte nicht missverstehen: Es gibt hervorragende Sicherheitsmitarbeiter im Rentenalter. Dennoch muss man sich bewusst sein, dass viele Unternehmen und Behörden ihre Sicherheit Menschen anvertrauen, die selbst bei wohlwollendster Betrachtung den Zenit ihrer
Leistungsfähigkeit überschritten haben.
3. Einsatzgebiete: Ein immer breiteres Aufgabenspektrum. Korrekt. Immer breiter und teilweise auch immer verantwortungsvoller. Zu dieser Wahrheit gehört jedoch auch, dass sich laut der letzten Lünendonk-Liste aus dem Jahr 2024 immer noch 88 % der Sicherheitsmitarbeiter auf dem Niveau „Unterrichtungsverfahren“ bzw. „Sachkunde“ befinden. Um das deutlich zu sagen: In anderen Branchen würden Mitarbeiter mit solchen Schulungen als ungelernte Hilfskräfte angesehen. Man sieht also, dass die Zahlen des BDSW einen ganz anderen Eindruck vermitteln, wenn man den Bezugsrahmen verändert. Auch das gehört zur Wahrheit der privaten Sicherheit.