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Editorial

Spahn in Spuck- und Schussweite

Ausgabe 18/2020
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Ausgabe 18/2020
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Liebe Leserinnen und Leser,

wäre ich ein Killer gewesen und meine Kamera ein Colt, wär‘s das gewesen mit Herrn Spahns Bad in der Menge. Derweil bestürmte der Pöbel den Eingang zum Reichstagsgebäude. Tags drauf wurde Spahn von weiteren seltsamen Zeitgenossen bespuckt.

Politische Korrektheit wird, wie mir scheint, in diesen Tagen mit haarsträubendem Leichtsinn erkauft. Das Foto oben stammt vom 29. August 2020. Gesundheitsminister Jens Spahn stellte sich, durchaus ehrenwert, an einem CDU-Stand in der Kölner Schildergasse tollkühn den Fragen der Bürger. Natürlich war er umringt von etwa einem Dutzend Polizisten und einer unbekannten Anzahl Personenschützer. Mir fehlt dennoch die Fantasie mir vorzustellen, wie diese Sicherheitskräfte mich hätten stoppen wollen, wenn ich ein Attentäter gewesen wäre und versucht hätte, auf Jens Spahn zu schießen. Am nächsten Tag berichteten die Medien, Spahn sei bei einem öffentlichen Auftritt in Bergisch Gladbach bespuckt worden – wenn ihn Spucke treffen kann, dann auch meine gedachte Kugel, behaupte ich. Als ob Lafontaine nicht niedergestochen worden wäre und Schäuble bis heute nicht im Rollstuhl säße. Wäre ich für die Sicherheit von Herrn Spahn zuständig, hätte ich spätestens seit dem letzten Wochenende graue Haare.

Am rechtsradikalen Mob, der die Haupttreppe zum Reichstagsgebäude (nicht, wie vielfach zu lesen: „Treppen zum Reichstag“ – die Institution heißt tatsächlich schon länger Bundestag) erstürmte, haben sich bereits zahlreiche Kommentatoren abgearbeitet. Ich kann denen, die bereits einen drohenden Putsch annahmen, nicht folgen. Wenn die Meute ins Gebäude gelangt wäre, hätte sie sicher ein Sondereinsatzkommando da schnell wieder herausgeholt. Ich stelle dennoch die Frage, warum ein deutsches Gericht die Meinungsfreiheit von Demokratiefeinden und Verschwörungsdeppen über die Gesundheit der Bevölkerung stellt. Und ich frage mich auch, wie Kommentatoren dazu kommen, Verständnis für diese rechtsradikal und verschwörungsidiotisch Verwirrten zu äußern. Irgendwie erinnert mich das spontan an die „klammheimliche Freude“ von Mescaleros Buback-Nachruf – im besten Fall handelte es sich um Anbiederei.

Warum ist dieser Hildmann eigentlich noch auf freiem Fuß, wenn er Adolf Hitler im Vergleich zu Angela Merkel als „Segen“ sieht und sich antisemitisch äußert? Irgendeine Gummizelle wird sich doch für ihn finden lassen? Wie kann es sein, dass der Eingang zum Bundestag von nur drei Polizeibeamten gegen eine Übermacht an Randalierern verteidigt werden musste? Und warum ist weder Ordnungsamt noch Polizei in der Lage, die Rettungsgasse vor meiner Wohnung freizuhalten von Dauerparkern im Absoluten Halteverbot? Womöglich gibt es auf allen Seiten mittlerweile zu viele Querdenker (pardon: Querdenkende), die nie gelernt haben, einmal ordentlich gerade zu denken.

Immerhin hat der Berliner Senat nach den Vorfällen eine Maskenpflicht für Demonstrationen ab 100 Teilnehmern beschlossen. Mit Maske gegen Masken protestieren. Auch nicht schlecht.

Schwerpunkte:

Ausgabe 18/2020

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