Blauäugige Digitalisierung

15.05.2018

Alle Welt spricht von Digitalisierung. Alles soll elektronifiziert bzw. digitalisiert werden. Und vieles ist es schon. Ob es sich dabei immer um Fortschritte handelt, kann man zu Recht bezweifeln, denn die Sicherheit und Verlässlichkeit der Systeme lässt nach wie vor zu wünschen übrig.

Nehmen wir die Schifffahrt: Vor einigen Jahren berichtete der Sicherheits-Berater, dass das Kreuzfahrtschiff "Fram" von den Hurtigruten in der Antarktis havarierte. Der Autor dieser Zeilen hatte eine Reise mit dem Schiff gebucht. Sie musste abgesagt werden. Das damals nagelneue Schiff hat, wie andere auch, keine Dieselantriebe der Welle und Schraube mehr, sondern Elektromotoren. Die Diesel sind gewissermaßen nur noch Kraftwerke. Ein Softwarefehler der Kraftwerkssteuerung führte zu einem Totalausfall des Antriebs und damit auch der Steuerung. Das Schiff wurde von dem in der Antarktis herrschenden Sturme eine hilflose halbe Stunde lang steuerlos getrieben und auf einen Eisberg gedrückt. Die Rettungsboote einer Seite sowie die Brücke waren Trümmer. Die Maschinen ließen sich erst nach einer halben Stunde wieder starten.

Nehmen wir unsere Autos. Der Autor fährt einen Ford Mondeo. Der hat wie viele andere auch keine Zeiger mehr am Tachometer. Der Zeiger besteht aus Flüssigkristallen mit einer schönen blauen Farbe. Nur wenn man die Sonnenbrille auf hat, ist der Zeiger kaum mehr zu erkennen. Das Navi und die Bedienung der diversen Einstellungen erfolgt über Touchscreen. Nur sind die Anzeigen bei strahlendem Wetter nicht lesbar. Ich habe mir eine schattenspendende Konstruktion gebaut. Man darf aber keine Polaroid-Brille tragen. Dann geht nichts mehr und alle Bedienungen haben gemeinsam, dass man während der Fahrt nur Änderungen der Einstellungen mit den ca. sechs bis acht verschiedenen Menüpunkten verantworten kann, wenn man einen Parkplatz aufsucht oder einen IT-erfahrenen Beifahrer hat. Telefonieren mit dem Handy während der Fahrt ist eindeutig gefahrloser als die Temperatur der Klimaanlage zu verändern. 

Neben den beiden ggf. lebensgefährlichen Digitalisierungsfällen von Schiff und Auto (und das fängt ja erst an) gibt es noch ganz andere Probleme, die bislang nicht gelöst sind. Der Bundestag hatte 2016 beschlossen, dass unsere Stromzähler 2018 intelligent werden sollen. Man nennt das neudeutsch Smart Meter. Die Idee ist Teil der Energiewende. Die eilends entwickelten Messinstrumente sind manipulationsanfällig. Das Gerät soll ja zwischen Verbraucher und Stromlieferant die Kommunikation aufbauen. Und wie immer kann ein solches Gerät mehr, als es uns lieb ist. Man kann natürlich auch den Strom steuern. Die Zertifizierung durch das Bundesamt für Sicherheit n der Informationstechnik (BSI) erweist sich als schwieriger als erwartet. Wie man vernimmt, müssen Geräte teilweise erheblich nachgebessert werden und das dauert noch. Und wenn man ein Zertifikat hat, dann sollte man nicht vergessen, dass es immer eine Art Rüstungsspirale gibt. Was heute sicher erscheint, kann morgen manipulierbar sein.

Als 1974 zur ersten SAFETA/SECURITY in Essen ein Hersteller mit dem ersten magnetcodierten Zutrittskontrollsystem aufwartete und den Ausweis als "fälschungssicher" verwarb, machte der Autor auf der Messe vor, wie man den Ausweis fälscht. Er hatte im Physikunterricht mal aufgepasst. Zubehör waren eine Lochzange, Magnetgummiplatte, Eisenfeilspäne, eine aus Streichhölzern gefertigte Pinzette, ein Stück Pappe und Tesafilm. Der Aussteller zog das Exponat auf der Messe zurück. Gerade dieser Tage wurden wir wieder daran erinnert, dass die Hotelschlösser von Assa Abloy eines Updates bedurften, weil sie geknackt worden waren.

Es ist erschütternd zu beobachten, wie unwissend Anbieter von technischen Anlagen mit Fernwartung sind. Fragen Sie mal einen verantwortlichen Entwicklungsingenieur nach dem Verschlüsselungsverfahren, dass eingesetzt wird. 98 Prozent haben keine Ahnung, was sie verkaufen. Die Verschlüsselung wird zugekauft. Ob sie sicher ist oder nicht, wird vom Lieferanten versichert, aber nicht geprüft und schon gar nicht garantiert. Augen zu und durch – aber digital … RAINER VON ZUR MÜHLEN


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