Compliance als das teuerste Alibi

01.11.2017

Leistet eine Compliance-Organisation das, was man eigentlich darunter versteht und erwartet? Der Sicherheits-Berater behauptet erst einmal kühn: NEIN! 

Wie bei fast allen ins Deutsche eingebürgerten englischen Begriffen wird auch der der Compliance diffus interpretiert. Alle verwenden ihn, aber nur wenige wissen, was gemeint ist und wie Compliance durchgesetzt werden kann. Ins Deutsche übertragen bedeutet er: Regelkonformität. Unternehmerisches Verhalten soll sicherstellen, dass geltende Regeln eingehalten werden – also Gesetze, Richtlinien, freiwillige Codices. Dafür haben viele Unternehmen umfangreiche Compliance-Organisationen aufgebaut, die Millionen kosten. Aber sind sie das auch wert? Die Liste der Skandale ist lang. 

So richtig Fahrt auf nahm das Compliance-Thema nach der Aufdeckung von Korruptionsaffären: Unternehmen, deren Aktien an der New Yorker Börse gehandelt wurden, bekamen von der Börsenaufsicht strenge Auflagen. Man schickte ihnen teure US-Anwälte ins Haus, die die Einführung einer Compliance-Management-Organisation über Jahre begleiteten. 

Auch die Unternehmen (Stahlindustrie, LKW-Hersteller, Getränkeindustrie u. a.), die in jüngster Zeit insgesamt Milliardenstrafen wegen kartellrechtswidriger Preis- und Kontingentabsprachen trafen, hatten Compliance-Organisationen, die die Rechts- und Gesetzestreue eigentlich hätten sicherstellen sollen. 

Es geht noch weiter: Die endlose Geschichte des Dieselskandals ist ein Beweis dafür, dass das Compliance-Management versagt. Dieser Tage wurde bekannt, dass das Qualitätsmanagement eines großen Automobilherstellers schon vor Jahren Abweichungen in den Emissionen gemessen hatte. Es hat Berichte geschrieben, die den Verantwortlichen nicht verborgen geblieben sein können. Dennoch geschah nichts. Wo blieb da das Compliance-Management? 

Die Versagensliste ist viel länger und betrifft auch selbsterlassene Regeln. Man erinnere sich an die Ethikregeln von NOKIA: "Unsere Mitarbeiter werden früh in alle wichtigen Entscheidungen eingebunden." Als die Betriebsverlagerung der Handyproduktion von Bochum nach Rumänien bekannt gemacht wurde, gingen schon fast die Kündigungen raus. Naja, und die Bankenskandale will ich gar nicht aufzählen. Soviel Platz ist im Sicherheits-Berater gar nicht. 

Die Frage, woran das liegt, ist einfach zu beantworten: Verantwortlich für die Einhaltung der Regeln ist die Unternehmensführung. Sie bindet den von ihr abhängigen Mitarbeitern des sogenannten Compliance-Managements die Hände. Wer aufmuckt, muss damit rechnen, "gegangen" zu werden. Und lukrative Jobs sind nicht so weit gesät, dass man das Risiko leichtfertig auf sich nehmen mag. Das ist der eine Aspekt. Der andere lautet, dass man in Abwesenheit gar nicht verhindern kann, dass Gesetzesverstöße geplant und realisiert werden, ohne dass man Kenntnis davon erlangt. Und ich habe noch nie davon gehört, dass das die für das Compliance-Management Zuständigen in irgendetwas dieser Art eingebunden und gefragt worden wären. Waldemar Schäfer, früher einmal Chefredakteur des Handelsblatts, sagte einmal zur mir: "Die Systemveränderer marschieren nicht im Schwarzen Block. Die Systemveränderer sitzen in den Vorstandsetagen und loten alle Rechtsgrenzen aus, um die Spielräume in Grauzonen so lange unethisch so weit auszunutzen, bis die Politik weitere Regulierungen erlässt und das System immer weiter verändert." Eine Systemveränderung wird nur durch eine Änderung des Strafrechts zu erwarten sein. 

Nehmen wir einmal den Fall eines großen Unternehmens der Luft- und Raumfahrtindustrie. Hier liegt eine Selbstanzeige wegen Korruption vor. "Nachgeordnete Mitarbeiter" sollen ein Geflecht internationaler Scheinfirmen und schwarzer Kassen unterhalten haben – und zwar ohne Wissen der Höheren Unschuld. Wie geht das denn? Gibt es tatsächlich Konzerne, in denen eben mal nachgeordnete Führungskräfte ohne Vorstandssegen Firmen in der Welt gründen oder Zahlungsströme bewegen (Bestechung ist nie ein Trinkgeld) – das Ganze ohne Revision, ohne Controlling und ohne Compliance? 

Nach Ansicht des Sicherheits-Berater erfüllt Compliance in den meisten Unternehmen nur eine Alibifunktion – und das auf ziemlich teure Art.


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