Das Blackoutpotenzial eines Erdbeerfeldes

01.09.2018

Wenn jemand auf eine wackelige Leiter steigt, ahnt man, was passieren wird. Wenn Staplerfahrer Klaus um die Ecke biegt, fürchtet man, dass das Blut sogleich in Strömen fließt. Monokausale Schadensereignisse sind einfach vorhersehbar. Aber denken Sie beim Anblick eines Erdbeerfeldes, wie es auf der Titelseite als Symbolfoto abgebildet ist, an einen großflächigen Stromblackout? Zugegeben, um diesen vorherzusehen, benötigten Sie noch die Information, dass das Erdbeerfeld unter einer Überlandstarkstromtrasse liegt. Aber selbst dann gehört reichlich seherisches Talent dazu, sich vorzustellen, dass von dem Erdbeerfeld eine Gefahr ausgeht. Bloß welche – irgendeine Idee? Falls nicht: Auf Seite 276 hier im Heft finden Sie das Foto eines tatsächlich vorhandenen Erdbeerfeldes, das den Ausgangsimpuls für einen regionalen Blackout lieferte. Lesen Sie dazu eine Analyse des Vorfalls von Rainer von zur Mühlen, der in mehr als über 40 Jahren gefühlt 100.000 Schadensfälle kennengelernt hat und erläutert, warum es eigentlich keine Schadensereignisse, sondern nur Schadensprozesse gibt.

Unvorhersehbare Verkettungen von Zufällen vorherzusehen zu können, beherrschen nur wenige Sicherheitsexperten – am ehesten noch die, die immer wieder mit „tragischen“ (= eigentlich vermeidbaren) Sicherheitsvorfällen zu tun haben und daraus lernen. Da die Eintrittswahrscheinlichkeit beim Unvorhergesehenen in der Regel gering bis sehr gering ist, ist die Chance auf Prävention nochmal geringer – zumal, wenn Präventionsmaßnahmen in keinem Verhältnis zum Aufwand stehen, um das Risiko auszuräumen und gar nicht mehr zu stemmen sind (Beispiel: Meteoriteneinschlag). Im Falle des Erdbeerfeldes wäre ein vorausschauender Warner wohl nicht an den Kosten gescheitert, sondern an seiner auf relativer Unwahrscheinlichkeit gründenden Argumentation.

Dass Röntgenstrahlen töten können, hat man zum Zeitpunkt ihrer Erfindung noch nicht gewusst. Auch die Frauen, die Uhren mit Radium-Leuchtfarbe bemalten, hätten nicht sterben müssen, wäre die Gefahr bekannt gewesen. Millionen Jahre altes Rohöl aus dem Erdreich an die Erdoberfläche zu bringen und dort zu verbrennen, wird dagegen im Rückblick von unseren Enkeln garantiert als völliger Wahnsinn gewertet werden. „Nachher ist man immer schlauer“: Diese Redewendung ließe sich als traurige Weisheit der Sicherheitsplanung definieren. Und wer viele zunächst als risikolos wahrgenommene  Prozesse beobachtet hat, der gewinnt an Vorhersagekraft.

Übrigens sind Präventionsbemühungen nur die eine Seite der Vorhersagensmedaille: Die andere fragt danach, was denn wohl zu tun sein wird, wenn jede Prävention versagt. Wie also kann ein zupackendes Krisenmanagement für den Fall der Fälle aussehen? Immerhin sind wir heute Meister der Aufklärung und Forensik – nach einem Schadensfall (und sei es ein dreißig Jahre zurückliegender Kriminalfall). Das wird den Toten von Genua nichts nützen. Warum sie von der Brücke stürzten oder von ihr erschlagen wurden, werden wir jedoch sehr wahrscheinlich bald wissen. 

: : : Bernd Zimmermann : : :




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