Die 15 minutes of fame des Brandschutzschalters

01.03.2018

Der von Andy Warhol geprägte Ausdruck "15 minutes of fame" bezieht sich auf die Flüchtigkeit von Ruhm und medialer Aufmerksamkeit. Insofern sind durchaus Parallelen zum aktuellen Thema des Brandschutzschalters (AFDD für Arc Fault Detection Device) und zur entsprechenden Norm VDE 0100-420 zu erkennen.

Was ist passiert?
Wie der Sicherheits-Berater im ersten Heft des Jahres 1-2/2018 auf S. 17ff. berichtete, ist der Einsatz des Brandschutzschalters seit 19.12.2017 in bestimmten Anwendungsfällen normativ vorgeschrieben. Der Werdegang bis dahin wurde bereits lange zuvor mit einem medialen Hype der Elektroindustrie begleitet, in dem unermüdlich auf die Gefahren durch Störlichtbögen hingewiesen wurde. Dabei identifizierte man eine Lücke bei den etablierten und bewährten Schutzmaßnahmen, die nun endlich durch den AFDD geschlossen werde. Die große "Dankbarkeit", die der Sicherheits-Berater dafür gegenüber der Elektroindustrie empfindet, wurde im besagten Artikel in der einen oder anderen ironischen Spitze zum Ausdruck gebracht. Ironie kann ja bekanntlich dazu dienen, sich von etwas zu distanzieren oder etwas in polemischer Absicht zu überspitzen.

Nun gut, seither ist einiges passiert. Offenbar war der Sicherheits-Berater nicht der Einzige, der sich kritisch positioniert hat. Es geschah also, dass Anfang Februar die "VDE 0100-420 Berichtigung 1" in die Redaktion geflattert kam. Überraschung! Der Inhalt ist zwar erst einmal im Wesentlichen gleichlautend mit der Verlautbarung des DKE zur VDE 0100-420, die bereits Mitte Dezember 2017 publiziert wurde und schon Thema in unserem letzten Artikel war (DKE = "Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik in DIN und VDE"). Der wesentliche Unterschied liegt aber in der Bedeutung der Papiere. Eine "Verlautbarung" ist keine Norm, im Resultat könnte man sagen, man darf von der Norm abweichen, wenn man anderweitig das Schutzziel erfüllt. Seitdem der Text nun keine "Verlautbarung", sondern eine "Berichtigung der Norm" ist, weicht man bei Verzicht auf AFDDs unter den genannten Bedingungen nicht mehr von einer Norm ab, sondern entspricht ihr vollumfänglich. Ein riesengroßer Unterschied!

Doch was sind nun die (jetzt normativen) Fakten?

     

    1. Auf den AFDD darf verzichtet werden, wenn "eine andere Lösung in gleicher Weise das vorgesehene Schutzziel Vermeidung der Entstehung eines Brandes durch Fehlerlichtbogen erreicht und auf Basis einer Risikobeurteilung ein anderer mindestens gleichwertiger Schutz sichergestellt wird."
    2. Ist dies nicht gegeben, sind die AFDs vorzusehen für:

      • feuergefährdete Betriebsstätten,
      • Räume/Orte mit brennbaren Baustoffen,
      • Räume/Orte mit Gefährdungen für unersetzbare Güter.

      Die Entscheidung jedoch, ob ein Bereich in eine dieser drei Kategorien fällt, trifft der Bauherr/Eigentümer, ggf. (also nicht verpflichtend) unter Hinzuziehung eines Sachverständigen. Diese Unverbindlichkeitsklausel gilt jedoch nicht für Heime und Kitas sowie barrierefreie Wohnungen – hier ist die Anforderung nach wie vor uneingeschränkt gültig.

     

    1. Folgende Bereiche fallen gemäß der Berichtigung ausdrücklich nicht in den Geltungsbereich der Anforderungen:

      • Laboratorien,
      • medizinisch genutzte Bereiche in Heimen,
      • durchquerende Leitungen mit mechanischem Schutz.

    2.  Weiterhin gibt es keine zwingende Anforderung bei:

      • IT-Systemen zur Verbesserung der Versorgungssicherheit,
      • Sicherheitsanlagen,
      • Holzhäusern.

     

All das zuvor Genannte ist wie gesagt seit Mitte Dezember 2017 in einer Verlautbarung publiziert, seit Februar 2018 aber Inhalt einer wesentlich verbindlicheren Norm-Berichtigung.

Aber das Thema geht noch weiter: Offenkundig ist man sich seiner Sache doch nicht mehr ganz so sicher. Die Berichtigung wurde nicht einfach publiziert, für gültig erklärt und kostenlos sowie unaufgefordert an alle Bezieher der VDE 0100-420 versendet, sondern darüber hinaus auch gleich in die Norm eingearbeitet. Das Ergebnis hat nun den Status eines Normentwurfs inne und steht folgerichtig im DKE-Entwurfsportal zur allgemeinen Kommentierung. Die Einspruchsfrist lief bis 22.2.2018. Das bedeutet, dass sich die ganze Norm nun wieder im Entwurfsstatus befindet, wenn auch die Möglichkeit der Kommentierung auf das Thema AFDD beschränkt ist. Das Ergebnis ist offen.

Die Verwirrung geht mittlerweile so weit, dass gestandene und anerkannte Fachleute auch nicht mehr durchblicken. So schreibt Werner Hörmann, langjähriger Vorsitzender des DKE-Unterkomitees 221.1 "Schutz gegen elektrischen Schlag", langjähriger Mitarbeiter im DKE-Komitee 221 "Elektrische Anlagen und Schutz gegen elektrischen Schlag" und Autor zahlreicher Fachpublikationen, im Elektropraktiker 02/2018 einleitend zu einer Leseranfrage bezüglich AFDD:

"Eigentlich wollte ich, zum Thema Fehlerlichtbogen-Schutzeinrichtungen (AFDDs), auch als Brandschutzschalter benannt, keine weiteren Stellungnahmen mehr abgeben, da dieses Thema so verwirrend ist. Selbst mehrere Verlautbarungen auf der Homepage der DKE sowie die geplante Überarbeitung, die vermutlich Anfang 2018 erscheinen wird, wird aus meiner Sicht keine absolute Klarheit bringen. Selbst bei der Wirksamkeit einer Fehlerlichtbogen-Schutzeinrichtung (AFDD) gehen die Meinungen auseinander, wobei die positive Wirkung zu überwiegen scheint."

Nun könnte man ja meinen, dass der Betreiber, der die Notwendigkeit des AFDDs sieht, den Einbau also einfach vornehmen kann und dann glücklich bis zum Lebensende ist. Doch auch das scheint ein Trugschluss zu sein. Als Reaktion auf das Heft 1/2-2018 meldete sich ein öffentlich bestellter Sachverständiger und berichtete dem Sicherheits-Berater von seinen Tests mit AFDDs. In einem Testaufbau hatte er hinter einen AFDD einen 2-kW-Heizlüfter in Reihe mit einer Testfehlerstelle geschaltet. An dieser Teststelle hat er mit Schweißelektroden einen Lichtbogen gezogen, der über fünf Minuten anstand, ohne dass der AFDD auslöste. Nach den besagten fünf Minuten hatte er keine Lust mehr und brach den Test ab. Auf der anderen Seite wird aus Werkstätten berichtet, dass der Einsatz von Handmaschinen hin und wieder AFDDs auslöst. Anscheinend wird das Bürstenfeuer von Handkreissäge, Oberfräse & Co. fälschlicherweise als Störlichtbogen interpretiert. So ausgereift scheint dann die Technologie also noch nicht zu sein, wenn sie im Normalbetrieb falsch auslöst und im Fehlerfall eben nicht auslöst.

Ein interessantes Detail dazu findet sich auf dem Portal bi-medien.de (Kurzlink: http://bit.ly/2nIXnFo). So lautet die Überschrift eines ausführlichen Beitrages "Bundeskartellamt ermittelt in Sachen Brandschutzschalter". Darin wird ein Sprecher des Bundeskartellamtes wie folgt zitiert: "Wir prüfen, wie die Norm zustande gekommen ist."

Was heißt das nun für den Anwender? Die ehemals rigorose Forderung nach Brandschutzschaltern ist mittlerweile normativ so weichgespült worden, dass man eine unumstößliche Verpflichtung zum Einsatz des AFDDs nicht mehr zweifelsfrei ableiten kann. Wenn man den Werdegang des Themas kennt, versteht man das vielleicht. Aber der unbedarfte Nutzer der Norm liest zuerst eine Anforderung, die er aber vielleicht doch nicht umsetzen muss. Wahrlich wieder ein Meisterwerk der Macher der VDEs. Vielleicht der Anfang vom Ende der 15 minutes of fame des Brandschutzschalters.

Der Autor dieses Beitrages ist auf einem Bauernhof groß geworden, der über insgesamt drei Stromkreise verfügte. 1x 6 Ampere für das gesamte Wohnhaus und 1x 6 Ampere für alle Nebengebäude, wie Ställe, Scheunen und Werkstätten. Der dritte Stromkreis versorgte die 2,2-kW-Kreissäge, den größten Verbraucher am ganzen Anwesen. Wenn die Schafe geschoren wurden, mussten alle anderen Verbraucher ausgeschaltet werden, sonst flog die Sicherung. Einen Schutzleiter gab es nicht. Solche Erfahrungen helfen dabei, die aktuellen Entwicklungen einzuordnen. JÖRG SCHULZ


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