Frische Luft im Rechenzentrum?

01.11.2018

Brauche ich Frischluft im Rechenzentrum? Handelt es sich bei einem Rechenzentrum um einen ständigen Arbeitsplatz? Brauche ich eine Raumlufttechnische Anlage (RLT-Anlage)? Und welche Luftqualität wird überhaupt benötigt?

Frischluft im Rechenzentrum, zugeführt über eine RLT-Anlage (Raumlufttechnische Anlage), wird von vielen als selbstverständlich angesehen. Dabei steht bei der Planung nur noch die Frage des Luftwechsels im Vordergrund, die Temperatur- und Feuchtebereiche sind gemäß aktuell gültiger ASHRAE (American Society of Heating, Refrigerating and Air-Conditioning Engineers) konkret vorgegeben. Doch müssen Rechenzentren (RZ) tatsächlich über eine RLT-Anlage verfügen, um einen definierten Mindestaußenluftvolumenstrom sicherzustellen?

Schauen wir uns die Normen und Regelwerke, aus denen sich das Erfordernis einer RLT-Anlage (eventuell) ableiten lässt, einmal genauer an:

DIN EN 16798-3 – Lüftung von Nichtwohngebäuden

Direkt in der Einleitung lesen wir dort:

"Diese Europäische Norm gilt für die Planung ( … ) und Ausführung von Lüftungs- und Klimaanlagen ( … ) in Nichtwohngebäuden, die für den Aufenthalt von Menschen bestimmt sind; Anwendungen in der Industrie- und Prozesstechnik sind dabei ausgeschlossen."

Nun, dass RZ für den Aufenthalt von Menschen bestimmt sind, können wir direkt verneinen. Es sei denn, es sind dort dauerhaft Arbeitsplätze eingerichtet. Und dass es sich bei einem RZ um Prozesstechnik handelt, ist spätestens nach der Aussage des DiBt (Deutsches Institut für Bautechnik), dass die Energiesparverordnung nicht auf RZ anzuwenden sei (weil es sich eben um einen industriellen oder gewerblichen Prozesses handele), geklärt (siehe Sicherheits-Berater Heft 4/2016, S. 59f.)

VDI 2054 – Raumlufttechnik – Technische Anlagen zur Konditionierung von Einrichtungen für die Datenverarbeitung (Entwurf von Mai 2018)

Unter dem Punkt 8.3 – Mindestaußenluftvolumenstrom steht dort kurz und bündig:

"Ein Mindestaußenluftvolumenstrom ist für den Betrieb der DV-Anlagen nicht erforderlich."

DIN EN 50600 – Informationstechnik – Einrichtungen und Infrastrukturen von Rechenzentren – Teil 2-3: Regelung der Umgebungsbedingungen

Auch die RZ-Norm macht keinerlei Angaben bezüglich eines benötigten Außenluft- oder Frischluftanteils aufgrund von Personen. Die Regelung eines Außenluftanteils wird dort lediglich im Zusammenhang mit der Regelung der Umgebungsbedingungen genannt (B.6, Anteil der Außenluft).

Fassen wir die bisherigen Erkenntnisse zusammen, lässt sich festhalten, dass keine Anforderungen an einen Mindestaußenluftvolumenstrom bestehen. Die Installation einer RLT-Anlage in einem RZ zur dessen Sicherstellung ist aus den oben genannten Normen und Regelwerken also nicht erforderlich.

Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV)

In Paragraph 2 heißt es dort:

"Arbeitsplätze sind Bereiche, in denen Beschäftigte im Rahmen ihrer Arbeit tätig sind".

Jedoch fordert die ArbStättV nicht, dass am Arbeitsplatz ausreichend Frischluft vorhanden sein muss. Vielmehr heißt es dort unter dem Punkt 3.6:

"In Arbeitsräumen, Sanitär-, Pausen- und Bereitschaftsräumen ( … ) muss unter Berücksichtigung ( … ) der Anzahl der Beschäftigten ( … ) während der Nutzungsdauer ausreichend gesundheitlich zuträgliche Atemluft vorhanden sein".

Arbeitsräume sind laut ArbStättV jedoch Räume, "in denen Arbeitsplätze innerhalb von Gebäuden dauerhaft eingerichtet sind" (ebenfalls §2, ArbStättV).

Technische Regel für Arbeitsstätten (ASR) A3.6 – Lüftung

Die ASR wiederum, die die Anforderungen der ArbStättV konkretisiert, gilt für "Arbeitsplätze in umschlossenen Arbeitsräumen". Kommt also nur zur Anwendung, wenn es sich um dauerhaft eingerichtete Arbeitsplätze handelt.

Trotzdem muss der Betreiber vor Aufnahme von Arbeiten eine Gefährdungsbeurteilung erstellen. Und dass an Orten, an denen Menschen arbeiten, gesundheitlich zuträgliche Atemluft vorhanden sein muss, können wir wohl als selbstverständlich annehmen – schließlich sollen Personen ja nicht gefährdet werden.

Um jedoch eine Aussage treffen zu können, was gesundheitlich zuträgliche Atemluft ist, muss man sich die Arbeitsplatzgrenzwerte (AGW) gemäß TRGS 900 (Technische Regel für Gefahrstoffe – Arbeitsplatzgrenzwerte) anschauen. Unter der Annahme, dass im RZ keine Stofflasten durch die installierte Gerätetechnik oder den Baukörper austreten, verändert sich die Atemluftqualität lediglich durch den Aufenthalt von Personen. Durch die Atmung nimmt der Mensch Sauerstoff (O) auf und gibt Kohlenstoffdioxid (CO2) ab. Die CO2-Konzentration ist ein anerkanntes Maß für die Bewertung der Luftqualität, dabei ist für Kohlenstoffdioxid der AGW in der TRGS 900 mit 5.000 ml/m³ (ppm) definiert.

Nehmen wir an, der Mensch atmet pro Minute sechs Liter Luft ein und aus und die Luft hat beim Ausatmen einen CO2-Anteil von vier Prozent. Dann benötigt dieser Mensch etwas mehr als 20 Minuten, um den obengenannten Grenzwert von 5.000 ppm zu überschreiten. Nimmt man die ASR A3.6 zu Vergleichszwecken mit einem CO2-Grenzwert von 2.000 ppm als Grundlage, können hier etwa acht Minuten angesetzt werden – pro Kubikmeter Raumvolumen versteht sich. Bei einem RZ von 100 Quadratmetern mit einer Raumhöhe von vier Metern entspricht das in etwa 53 Stunden (bei 2.000 ppm).

Beachtet man darüber hinaus die ohnehin vorhandenen Luftundichtigkeiten im Raum bzw. in der Gebäudehülle inklusive der Türöffnungen bei Zu- und Austritten, wirkt sich diese Tatsache positiv auf die Luftqualität aus. Somit ist der normale (natürliche) Luftaustausch in einem RZ vollkommen ausreichend, um dort dauerhaft gesundheitlich zu-trägliche Atemluft sicherzustellen.

Fazit:
Lässt man Schadstoffe durch Emissionen technischer Anlagen, wie die der Unterbrechungsfreien Stromversorgung (USV) oder der Netzersatzanlage (NEA) außer Acht (diese müssen naturgemäß separat betrachtet werden), halten wir fest, dass in einem RZ zur Sicherstellung einer für den Menschen ausreichenden Luftqualität keine zusätzliche mechanische Be- und Entlüftung notwendig ist. Vielmehr wird allein durch die natürliche Luftwechselrate über die Gebäudehülle und den Zu- und Austritt ausreichend Frischluft ins RZ eingebracht.

: : : Christoph Riedel : : :


Dieser Beitrag ist Bestandteil von:


Ein Beitrag des Informationsdienstes

Sicherheits-Berater
TeMedia VerlagsGmbH

Kontakt:
Alte Heerstr. 1
53121 Bonn

Tel. +49 228 96293-80
Fax +49 228 96293-90
E-Mail: info@sicherheits-berater.de
Internet: www.sicherheits-berater.de