Wirtschaftsspionage durch Unternehmens(ver)kauf

01.05.2018

Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Dr. Hans-Georg Maaßen, warnt öffentlich vor Unternehmenskäufen im Interesse der Wirtschaftsspionage. So betont er wörtlich: "Es gibt auch formal legale Möglichkeiten, um an Informationen zu kommen". Gut, dass das einmal so deutlich aus berufenem Munde ausgesprochen wird. Das zunehmende Problem ist allerdings nicht neu. Klassisches Beispiel sind nachstehende chinesische Unternehmenskäufe in Deutschland:

Volvo besitzt eine gute Entwicklungsabteilung, ist Inhaber zahlreicher Patente, verfügt über ein recht gutes Fertigungs-Know-how und ist geneigt, dies auf die chinesische Automobilindustrie zu übertragen. Volvo gehört heute den Chinesen.

Der Autozulieferer Boge wurde von ZF-Friedrichshafen ausgegliedert und ging ebenfalls an einen chinesischen Konzern. Boge ist führend auf dem Gebiet von Stoßdämpfern und High-Tech-Gummiprodukten, verfügt über exzellentes Entwicklungspotenzial und besitzt eine Marktführerstellung. China muss nicht mehr auf diesem Gebiet spionieren. Es ist Eigentümer des Know-hows und aller Patente.

Maaßen hat Recht mit seiner Aussage. Aber der Ausverkauf zur Gewinnung entscheidenden technischen Wissens und entsprechender Entwicklungskapazitäten geht nicht nur in Richtung China. Auch die USA sind an deutscher Technologie interessiert – nur weniger spektakulär. So wollte ein US-Konzern vor einiger Zeit eine deutsche, relativ kleine Entwicklerfirma aus der Sicherheitsbranche kaufen, die hochspezialisiert Techniken erforscht und entwickelt. Das US-Unternehmen hätte bei geglücktem Coup das Wissen um Technologien zur Fälschungssicherheit von bestimmten Produkten, wie sie in Geldscheinen, Dokumenten, Techniken und im Passwesen eingesetzt werden, erworben.

Hinter dem Kaufbemühen stand, wie man heute weiß, der CIA. Durch einen Zufall erfuhr der Sicherheits-Berater davon. Er informierte den Koordinator für die Sicherheitsdienste im Kanzleramt darüber, dass der Investor bereits ein vergleichbares Unternehmen in Großbritannien erworben hatte. Mit beider Firmen Wissen wäre der CIA in der Lage gewesen, falsche Identitätspapiere mit ca. 20 Nationalitäten als echt herzustellen. Das Kanzleramt trug daraufhin Sorge, dass der Verkauf der deutschen High-Tech-Schmiede aus nationalem Sicherheitsinteresse unterbunden werden konnte. Der US-Botschafter intervenierte im Kanzleramt persönlich. Ein ungewöhnlicher Vorgang, das Auswärtige Amt zu übergehen! Aber das dokumentierte das US-Regierungsinteresse an dem Zukauf.

Was Herr Maaßen nicht erwähnte ist, dass deutsche Auslandsinvestitionen ebenfalls den Know-how-Abfluss befördern. In Heft 10/2012 berichtete der Sicherheits-Berater über den Marktführer auf dem Gebiet der Motorsägen, Stihl. Herr Stihl hatte schon sehr früh eine Fertigung seiner Sägen in China veranlasst und regte sich über Markenpiraterie der Chinesen auf, die den Markt mit nahezu baugleichen Sägen überschwemmte. Er forderte "konsequentes Durchgreifen von Polizei und Justiz". Das war blauäugig: Klar, dass man nicht mehr verkaufen kann, was man zuvor verschenkt hat.

Die Chinesische Flugzeug- und Bahnindustrie erhielt erst einen international wirksamen Schub, als Bahn- und Flugzeughersteller Joint Ventures mit China vereinbarten und dort fertigen ließen. Das ging auch VW so, als man bemerkte, dass der chinesische Geschäftsführer zeitgleich Geschäftsführer eines Automobilwerks war, das wesentliche Teile des Jetta zu einem chinesischen Auto zusammenschraubte.

Noch einmal: Maaßen hat Recht, wenn er warnt. Hoffentlich mit Erfolg. RAINER VON ZUR MÜHLEN


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