Bei klassischen Seminaren und vor allem bei Zertifikatslehrgängen mit standardisiertem Curriculum steht aus guten Gründen die frontale Wissensvermittlung im Vordergrund. Nicht so bei den sogenannten Jahresforen und Netzwerktreffen der auf Sicherheitsthemen spezialisierten SIMEDIA Akademie, die aufgrund von ausdrücklichen Teilnehmerwünschen den Networking- und Mitmach-Aspekt zwischen den anwesenden Fachleuten und Praktikern betonen. Ein besonders gelungenes Beispiel konnte der Autor Anfang September beim 20. SIMEDIA Jahresforum Videotechnik & Videoüberwachung, 10.-11.09.2024, Wiesbaden miterleben.
„Videotechnik“ (VT), „Videoüberwachung“ (VÜ) – die Begriffe an sich klingen weder besonders freundlich noch aufregend. Dass das Thema aber ein gewaltiger Aufreger sein kann, hatte den Veranstaltern ein vorzüglich besuchtes Forum mit übrigens erfreulich hohem Frauenanteil beschert.
Und das startete nun mit einigen wenigen organisatorischen Hinweisen seitens des Seminarmanagers Denis Niederle, gefolgt von der Vorstellung der Forumsinhalte durch Peter Loibl (u.a. Geschäftsführer der Sicherheitsberatung VZM GmbH sowie langjähriges Redaktionsmitglied des Sicherheits-Berater). Unter dem Titel „Videoplanung für das Sicherheitsmanagement – Was Sie vermeiden sollten & Prüfung der Zielerreichung“ führte er kenntnisreich in das Thema ein: „Wo der Schutz unzureichend ist, hängen wir einfach ein paar Kameras zusätzlich hin“ – dies sei der garantiert nicht zum Erfolg, sondern zu Problemen führende Weg, mahnte er aus der Erfahrung vieler Planungsprojekte heraus. Und ergänzte: „Einzelne, isolierte Maßnahmen helfen ohnehin nicht – Videotechnik kann immer nur ein Baustein eines ganzheitlichen Sicherheitsmanagements sein“. Sein Credo: „Jede Sicherheitsmaßnahme behindert irgendwie – und stößt damit auf Widerstand.“ Diesem gelte es durch Transparenz gerade bei den funktionalen Schutzzielen möglichst frühzeitig entgegenzuwirken.

Bildquelle: re/TeMedia Verlags GmbH
Als weiterer Stolperstein bei VT-Projekten erweise es sich vielfach, wenn Kosten und Aufwand für Wartung und Instandhaltung nach DIN 31051 und EN 13306 bei der Planung nicht angemessen berücksichtigt würden.
Weiter begegnete den Teilnehmern bereits hier in kompakter Form erstmals der seit 2008 von mehreren Herstellern entwickelte offene VT-Standard Open Network Video Interface Forum (ONVIF). Und die Problematik, dass die von Kameras eingefangenen Bilder auch angemessen und möglichst ermüdungsfrei dargestellt werden müssen. Von 32-Zoll-Technik der alten Schule gehe der Trend hier inzwischen zu 49-Zoll-Displays in gebogener Bauweise („Curved Monitor“).
Was die Festlegung von Leistungszielen in der Planungs- und Ausschreibungsphase angeht, kam nun die DIN EN 62674-4 zum Zuge. Sie hilft dabei, Anforderungen eindeutig zu definieren – bis hin zur durch Texttafeln exakt überprüfbaren Auflösung von Bilddarstellungen.
Abschließend wiederholte der Forumsleiter die generelle Empfehlung, Netze zu trennen, auch und gerade bei VT-Projekten. Dazu erinnerte er beispielsweise an die über hunderttausende „entführter“ IoT-Geräte – darunter auch IP-Kameras – ausgeführten Attacken des Mirai Botnetzes.
Nicht mehr um technisch-organisatorische Widrigkeiten, sondern um „Rechtsfragen bei der Videoüberwachung“ ging es nun im gleichnamigen Vortrag von Dr. Ulrich Dieckert. Der im Bereich der Sicherheitstechnik auf die Themen Videoüberwachung, Zutrittskontrolle etc. spezialisierte Rechtsanwalt unterstrich die auch von seinem Vorredner gleich eingangs verdeutlichte Bedeutung des Vorgehens, sich vor Planung, Ausschreibung und Beauftragung von VT-Projekten mit der datenschutzrechtlichen Seite („personenbezogene Daten“) solcher Vorhaben auseinanderzusetzen. Es gehe um Fragen, wie die ob VÜ rechtmäßig, aber auch verhältnismäßig sei – oder ob z. B. der Schutz der Intimsphäre von Kunden oder Angestellten Vorrang genieße. Überdies sei die Informationspflicht zu beachten, Betroffene müssen den entsprechenden Hinweisschildern – bevor sie überhaupt gefilmt werden – u.a. entnehmen können:
- Name und Kontaktdaten des Verantwortlichen und ggf. seines Vertreters,
- Kontaktdaten des Datenschutzbeauftragten (sofern vorhanden),
- Zweck und Rechtsgrundlage der Datenverarbeitung,
- Berechtigte Interessen, die verfolgt werden,
- Speicherdauer oder Kriterien für die Festlegung der Dauer.
- Teilweise dürfen diese Angaben auch online vorgehalten werden, wenn das Schild den entsprechenden Link oder QR-Code vorhält.
Weitere Vorträge, bei denen im Plenum teils lebhafte Diskussionen und Frage-/Antwort-Runden entstanden, befassten sich mit dem exotischen, aber technisch herausfordernden Spezialfall „VÜ in Flugzeugen“, die Frage „KI, alles nur ein Hype“ wurde gestellt und deutlich verneinend beantwortet. Ein weiterer Beitrag war der Frage gewidmet „Kann die Wirksamkeit der Sicherheitsdienstleistung durch den Einsatz einer Videoanalyse verbessert werden?“ Und seitens des Vortragenden Manfred Grohmann (APLEONA) begründet bejaht: Er warb aufgrund seiner konkreten Projekterfahrung u.a. dafür, Mitarbeiter frühzeitig gezielt zu involvieren, ihnen qualifizierte Aufgaben innerhalb der VÜ zu geben: „Sie sind dann aufmerksamer, engagierter – und schlafen seltener ein.“
Einen Blick aus einer erfrischend anderen Perspektive auf das Thema VT/VÜ verschaffte jetzt Falko Blumenthal, der bei der IG Metall als „Berater für Betriebsräte und Aufsichtsräte in der Münchner Hochtechnologie“ tätig ist. Er warb sehr nachvollziehbar dafür, Betriebsrat und Gewerkschaften so früh wie möglich mit ins Boot zu holen. „Es geht nicht gegeneinander, es gilt ein Kooperationsgebot. Oder anders ausgedrückt: „Trust the crew!“
Den Forumstag beschloss der tief aus der Praxis schöpfende Vortrag von David Heller-Morgenstein. Er ist Consultant Damage Prevention bei DACHSER SE. Sein Arbeitgeber verzeichnet alljährliche Investionen von durchschnittlich zwei Millionen Euro in VT – ohne Instandhaltungskosten! Die Teilnehmer erfuhren, wie der Logistikriese beispielsweise in gefährdeten Außenbereichen mit Thermalkameras zusätzlich zur üblichen VT arbeitet – um Wachpersonal die Überprüfung verdächtigen Videomaterials zu erleichtern und das Ausrücken aufgrund von Fehlalarmen zu minimieren. Automatische Kennzeichenerkennung ist bereits implementiert. Mit Brandfrüherkennung für Batterien per VT werde erst experimentiert. Die individualisierte Video-Software des Anwenders gestattet die Eingabe von Sendungsnummern. Da diese mit Lagerplätzen korrespondieren, denen wiederum eine oder mehrere Kameras zugeordnet sind, können so exakt die jeweils benötigten Videodaten ausgegeben werden. Ein weiteres Projekt betrifft die sogenannte „Gate+“-Funktion: Offene Tore, die aber nicht offen sein sollten, werden von ihr gemeldet. Dies betrifft sowohl Diebstahl wie Arbeitsschutz und Energiemanagement.
Diesem ersten Vortragstag schloss sich – nach abendlicher gemeinsamer Stärkung – der als Workshop realisierte zweite Forumstag an. Hier bekamen die Teilnehmer die Gelegenheit, unter Berücksichtigung von allem am ersten Tag referierten ein konkretes VT-Projekt zu skizzieren, anhand selbst mitgebrachter oder vom Veranstalter bereitgestellter Geodaten bzw. Gelände- und Gebäudeplänen!
Fast jeder weiß aus eigener Erfahrung, dass es Menschen in einer als angenehm empfundenen Umgebung leichter fällt, sich neuen Erfahrungen und Inhalten zu öffnen. Die Wissenschaft hat überdies festgestellt, dass wir von Kindesbeinen an durch Spielen lernen, aber auch später noch durch spielerische Elemente offener für u.a. Lernprozesse sein können – der Fachbegriff lautet Gamification. Die Kollegen von der SIMEDIA Akademie wissen und verstehen das. Daher versuchen ihre Location Scouts und Eventmanager soweit möglich, Veranstaltungsorte zu finden, die solche Erkenntnisse berücksichtigen. Das dieses Forum beherbergende Penta Hotel in Wiesbaden ist zwar Bestandteil einer Kette, bemüht sich aber erfolgreich um höchst individuellen Charme und Betreuung.

Um besagten Charme genießen zu können, hilft es allerdings beträchtlich, wenigstens ein bisschen affin für die Vereinigten Staaten zu sein. Denn dieses Hotel ist durch und durch „USA-themed“ und wird auch gern von Angehörigen der US-Streitkräfte genutzt. Zu seinen Reizen gehören neben einer (uns natürlich nur am Rande interessierenden) 24/7 geöffneten Bar auch ein Restaurant mit typischen Angeboten der US-Küche, aber auch die Möglichkeit, bereits im Foyer Darts, Pool Billard oder Flipper zu spielen. Und finden auch einen kleinen, aber sinnvoll bestückten Fitness-Raum für den Workout nach dem Workshop vor.
Apropos spielen: zum Entzücken nicht nur der anwesenden Simedianer wartete der eigentliche Tagungsbereich neben einer Teebar mit den abgefahrensten Sorten, die man sich nur vorstellen kann, im weiteren Verlauf des Forums noch mit weiteren Vorzügen auf: Frisch hergestellte Smoothies zum Beispiel, aber auch eine Mini-Torwand, ein Mini-Tischtennis-Table sowie ein reichlich original aussehendes „Space Invaders“ Videospiel. All dies wurde von den Teilnehmern in Tagungspausen mindestens mal neugierig inspiziert, teils aber auch freudig in Betrieb genommen.