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Interview

Torsten Hiermann, CriseConsult, zur Bedrohung von u.a. Donaustahl-Chef Thumann

Stefan Thumann von Donaustahl und Achim Papperger von Rheinmetall werden von Russland bedroht und müssen geschützt werden, berichten mehrere Medien unabhängig voneinander. Ist dies eine überzogene Darstellung?

Die Bedrohung ist real, dass berichten die Betroffenen selbst. Und im Fall von Achim Papperger ist sie schon seit längerem bekannt. Auch hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz zuletzt Ende Juli darauf hingewiesen, dass die Gefährdungslage für Unternehmen im Sicherheits- und Verteidigungssektor „weiterhin hoch“ ist. In dem Zusammenhang hat die Behörde explizit davor gewarnt, dass Angriffe auf Beschäftigte, insbesondere aus dem Management, nicht auszuschließen sind. Mit Rheinmetall-CEO Papperger und Donaustahl-Gründer Thumann haben wir nun zwei Fälle, die in der Öffentlichkeit aufgegriffen werden. Tatsächlich hat sich die Bedrohungslandschaft jedoch für eine ganze Reihe von Betroffenen verändert, nicht zuletzt durch geopolitische Entwicklungen.

Torsten Hiermann

CriseConsult ist Mitglied in der Allianz für Sicherheit in der Wirtschaft West und Kooperationspartner der Simedia Akademie.
Torsten Hiermann ist Geschäftsführer von CriseConsult und Gastautor des Sicherheits-Berater.


Papperger und Thumann sind also nur „die Spitze des Eisbergs“ und wir reden über deutlich mehr Betroffene?

Dem Grunde nach schon, aber ich würde das nicht dramatisieren. Die Gefährdungslagen sind unterschiedlich zu bewerten, sie reichen von abstrakt bis hoch. Tatsache ist jedoch, dass Vorstände und Geschäftsführer qua Funktion besonders exponiert sind. Und dies nicht nur mit Blick auf staatliche Akteure und deren Proxys. Auch extremistische Aktivitäten richten sich zunehmend gegen Entscheidungsträger, werden also personalisiert. Kundgebungen vor dem privaten Wohnsitz, Brandanschläge, Farbangriffe. Hinzu kommen Risiken, die krimineller Natur sind und sich beispielsweise nicht gegen die Funktion richten, sondern der mutmaßlich vermögenden Person gelten. Das Spektrum ist breit gefächert und auch noch längst nicht vollständig dargestellt.

Was wird Ihres Wissens dagegen unternommen?

In aller Regel wird auf Basis einer Bedrohungsanalyse ein Schutzkonzept erstellt. Hier muss man sich jedoch vom vorhandenen Bild des klassischen Personenschutzes durch Begleitkräfte lösen. Moderne Executive Protection ist vielmehr ein Prozess, der weit vor dem unmittelbaren Personenschutz ansetzt und zudem mehrere Bereiche und Themenfelder umfasst.

Sind Führungskräfte aus KRITIS-Bereichen besonders gefährdet?

Nicht pauschal. In den benannten Fällen, in denen die zuständigen Behörden die Bedrohung offensichtlich an Russland attribuieren, geht es um einen konkreten Bezug zu militärischen Fähigkeiten, auch in Zusammenhang mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Daher ist die Verteidigungsindustrie hier noch einmal besonders im Fokus. Grundsätzlich trifft aber zu, dass Unternehmen der kritischen Infrastruktur aus Täterperspektive oftmals einen hohen Symbolwert besitzen und sich daraus unter Umständen eine „target attractiveness“ ableitet. Das steht übrigens nicht zwangsläufig für eine daraus resultierende Gefährdung. Entscheidend ist, sich des Umstands bewusst zu sein und eine Bedrohungsanalyse und Risikobewertung durchzuführen.

Ein kurzer Schulterblick: Ist dies auch in Zusammenhang mit hybriden Bedrohungen zu sehen, Stichwort Leipzig?

Nur bedingt. Gezielte Attentate auf Personen zählen nicht zum Spektrum der hybriden Bedrohungen. Aber in einen Kontext darf dies durchaus gestellt werden, zumindest wenn wir einen Blick auf Russland richten. Grundsätzlich ist das Thema Vorstandssicherheit jedoch losgelöst von der aktuellen Situation und von geopolitischen Ereignissen zu betrachten. Und es ist im Übrigen keineswegs neu: Denken wir an die Hochphase der RAF, an Jürgen Ponto, Hanns Martin Schleyer, Ernst Zimmermann, Karl Heinz Beckurts, Alfred Herrhausen, Detlef Karsten Rohwedder.

Danke für das Gespräch.

PS: Zu vertiefenden Weiterbildungs-Angeboten der SIMEDIA Akademie zum Thema Personenschutz geht es hier.

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