Seit Jahren beobachte ich die Sicherheitsmaßnahmen des Leipziger Weihnachtsmarktes im Umfeld des Augustusplatzes. Die Besonderheit: die Straßenbahnen fahren direkt durch die Flächen des Weihnachtsmarktes zwischen Opernhaus und Gewandhaus. Vor einigen Jahren sah das Sicherheitskonzept vor, das zwischen aufgestellten Steinquadern auf der Straße im Bereich der Schienen der Tram ein mit vier bis sechs Polizisten besetzter VW-Bus der regionalen Polizei platziert wurde, der bei Straßenbahnfahrten jeweils vor und zurück fuhr.
Mittlerweile gibt es ja die Technische Richtlinie „Mobile Fahrzeugsperren“ und viele der danach geprüften und zertifizierten Produkte werden eingesetzt. So auch in Leipzig, wo die Stadt die PITAGONE F18 der Volkmann Strassen- und Verkehrstechnik angeschafft hat. Das Problem der Durchfahrt bleibt. Was geschieht nun heuer: Jeweils zwei Mitarbeiter schieben im Minutentakt die mobilen Systeme im 90 Grad-Winkel hin und her. Nicht nur ein Kraftaufwand: 308 kg müssen erst einmal bewegt werden. Auch das Verkanten in der Schiene bzw. auf der Straße führt dazu, dass keines der Systeme gemäß Prüfunterlagen (8 Elemente = 1 System) zum Einsatz kommen.
In einer Beschreibung war zu lesen, dass der auf die Sperre zufahrende Lkw hochgebockt werden soll. Das verhakte Gestell soll sie ausbremsen.
Die aufgenommenen Bilder zeigen leider ein anderes Bild. Die Abstände zwischen den einzelnen Systemen sind so groß, dass Fahrzeuge durchfahren können. Zusätzlich wird durch die Schrägstellung der Systeme nur bedingt das Aufhalten erreicht. Eher kommt es zu einer Verschiebung der Systeme. Und ehrlich gesagt – ob es bei einem Fahrzeugangriff hinter einer durchfahrenden Straßenbahn (Beschleunigung außerhalb des Sichtfeldes der Mitarbeiter) den Wachdienstmitarbeitern wirklich gelingt, die Sperre wieder zurückschieben, muss bezweifelt werden. Einen positiven Effekt hat die Lösung dennoch: Der Wachmann hat nach zwölf Stunden Dienst garantiert einen top Fitness-Zustand!
Im Übrigen ist das Anfahrkonzept für potenzielle Angreifer gleichgeblieben: Um solchen Fahrzeugen ausreichend Platz für die Beschleunigung zu geben, hat man wie jedes Jahr auf der Länge von 360 m auf der Zufahrtstraße vom Leipziger Hauptbahnhof ein Halteverbot für Fahrzeuge eingerichtet…
Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, wie „Alibi-Sicherheit“ auf Kosten der Besucher des Weihnachtsmarktes – denn die Kosten für die Anschaffungen werden von der Stadt über die Schausteller durch höhere Preise an die Gäste weitergegeben – sich leider immer weiter ausbreitet. Wir kennen selbst viele Konzepte und Lösungen, wo mit geringerem Aufwand effektivere und wirksame Maßnahmen den Spaß an Weihnachtsmärkten und Volksfesten funktionieren. Statt reinem Produkt-Denken wären ganzheitliche Lösungs-Ideen gefragt!
PS der Schlussredaktion: Auf dem Weihnachtsmarkt im schönen Augsburg gibt in einem fast identischen Setting ein “Poller-Ballett” Anlass zu Erstaunen und Belustigung.


