Die Cybersecurity-Spezialisten von ESET haben folgende Trends für 2026 gesammelt, auf die sich ihrer Expertise nach Entscheider einrichten sollten:
APT-Gruppen (Advanced Persistent Threat) nehmen verstärkt die Drohnenindustrie ins Visier
Die schnelle Entwicklung unbemannter Systeme – ob in der Luft, zu Land oder zur See – macht sie zu einem begehrten Ziel für die „Big Four“: China, Russland, Iran und Nordkorea. 2026 werden diese Akteure ihre Anstrengungen verstärken, um militärische und kommerzielle Drohnentechnologien auszuspionieren oder geistiges Eigentum abzugreifen. Für Deutschland bedeutet dies ein erhöhtes Risiko, denn zahlreiche heimische Unternehmen sind in europäische Drohnenprogramme eingebunden.
Russland richtet seine nachrichtendienstlichen und cyberbasierten Aktivitäten weiterhin auf den Ukrainekrieg aus. Gleichzeitig werden zunehmend europäische Rüstungs- und Modernisierungsvorhaben ins Fadenkreuz geraten. China weitet nicht nur seine internationale Präsenz aus, sondern verschärft gleichzeitig die digitale Kontrolle im eigenen Land, was auch die Risiken für deutsche Geschäftsreisende erhöht. Iran und Nordkorea bemühen sich, ihre eigenen Drohnenkapazitäten durch Spionage zu beschleunigen. Belarus wird zunehmend aggressiver auftreten und könnte seine Aktivitäten mit Russland enger verzahnen, was langfristig den Aufbau eines osteuropäischen Cyberbündnisses begünstigen dürfte.
Künstliche Intelligenz: Das neue Einfallstor in Unternehmen
Während Unternehmen KI immer tiefer in ihre Abläufe integrieren, bleibt die Absicherung dieser Systeme weit zurück. 2026 wird sich diese Diskrepanz deutlich zeigen. KI-Agenten übernehmen Aufgaben im Cloud-Management, in Workflows und in der Prozessautomation, doch grundlegende Sicherheitsstrukturen fehlen häufig. Es ist absehbar, dass selbst einfache Fehlkonfigurationen zu massiven Datenabflüssen und unautorisierten Zugriffen führen können.
Parallel dazu wächst das Ökosystem frei verfügbarer KI-Modelle rasant. Millionen von Modellen, viele davon mit unklaren Trainingsdaten und unbekannten Hintergründen, werden ohne ausreichende Prüfung eingesetzt. Kompromittierte Modelle könnten so in Unternehmensprozesse gelangen und die Lieferketten der digitalen Welt unterwandern.
Die größere Gefahr entsteht jedoch durch die Anwendung der KI selbst: Deepfakes, täuschend echte Phishing-Mails, professionell wirkende Anzeigen und automatisierte Social-Engineering-Kampagnen werden 2026 allgegenwärtig sein. Täter müssen nicht mehr hochqualifiziert sein, um groß angelegte Betrugs- oder Einflussoperationen durchzuführen.
Gleichzeitig erreichen KI-gesteuerte Online-Bots ein neues Niveau. Sie generieren massenhaft falsche Bewertungen, imitieren reale Personen oder bewerben sich automatisiert bei Unternehmen. Das ist ein Problem, das nicht nur wirtschaftliche Prozesse, sondern auch politische Debatten beeinflussen wird. In Zeiten, in denen Vertrauen ohnehin ein knappes Gut ist, wird diese Entwicklung zu einer zentralen Herausforderung für Europa.
Die geopolitische Lage: Ein hohes Aktivitätsniveau hält an
Das globale Bedrohungsniveau bleibt 2026 hoch. Staatlich unterstützte Angriffe werden nicht abnehmen. Das Gegenteil wird der Fall sein. Russland wird auch bei einem möglichen Waffenstillstand in der Ukraine ein aktiver Akteur im Cyberraum bleiben. China, Iran und Nordkorea erweitern parallel ihre globalen Operationen, häufig unterstützt durch private Dienstleister, die als verlängerter Arm staatlicher Interessen fungieren.
Für Europa und insbesondere Deutschland bedeutet dies ein Umfeld, in dem kritische Infrastrukturen, Verwaltung, Forschung und Wirtschaft im Fokus gegnerischer Operationen stehen. Gleichzeitig nimmt die Cyberkriminalität weiter zu. Die Fülle an Tools und Marktplätzen im Untergrund sorgt dafür, dass Angriffe professioneller, günstiger und leichter zugänglich werden. Mobile Geräte treten dabei zunehmend in den Mittelpunkt, während Cloud-Infrastrukturen eine neue Angriffsfläche darstellen.
Auch KI-gestützte Malware wie das von ESET analysierte PromptLock könnte 2026 zum Start einer neuen Schadsoftwaregeneration werden, die autonomer und flexibler agiert als frühere Varianten. Die politische Reaktion darauf wird intensiver ausfallen: mehr EU-Gesetzgebung, stärkere europäische Technologieinitiativen, verstärkte Kooperation zwischen EU und NATO sowie eine engere Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft.
Ransomware 2026: Mit Bekanntem beginnt der Angriff
Ransomware bleibt auch im kommenden Jahr das beherrschende Thema der Cyberkriminalität. Bereits 2025 haben die Angriffe das Niveau des Vorjahres überschritten, und dieser Trend wird 2026 anhalten. Eine besondere Rolle spielt die neu aufgetretene Warlock-Gruppe, die mit ausgefeilten Tarntechniken operiert und sich zu einem ernstzunehmenden Gegner entwickelt. Auch der anhaltende Erfolg von Qilin zeigt, wie stark das Ransomware-as-a-Service-Modell weiterhin ist.
Während spektakuläre Angriffe über SIM-Swaps, Vishing oder Zero-Day-Schwachstellen die Medien beherrschen, bleibt die Realität ernüchternd: Die meisten erfolgreichen Angriffe beginnen mit grundlegenden Schwachstellen – schwache Passwörter, nicht eingespielte Patches, offene RDP-Ports oder veraltete Edge-Geräte.
Parallel dazu gewinnen sogenannte EDR-Killer (Endpoint Detection and Response) an Popularität. Sie sollen bestehende Endpoint-Schutzlösungen ausschalten und werden 2026 weiterentwickelt und verbreitet. Für deutsche Unternehmen bedeutet das, dass konsequente Basisarbeit in der IT-Sicherheit unverzichtbar bleibtund oft der entscheidende Unterschied zwischen Vorfall und Vermeidung ist.
Mobile Bedrohungen: KI beschleunigt die Angriffswelle
Mobile Geräte bleiben der verletzlichste Teil des digitalen Alltags. Für 2026 ist absehbar, dass sich die Bedrohungslage weiter zuspitzt. Neue Android-Malwarefamilien entstehen zunehmend mithilfe generativer KI, und erste Spuren wie GPT-ähnliche Symbole in Malware-Logs deuten darauf hin, dass diese Werkzeuge längst im Untergrund Verwendung finden. Gleichzeitig entstehen neue Betrugsmaschen über NFC-Schnittstellen, etwa durch Varianten wie NGate oder GhostTap, die den Alltag der Nutzer angreifen, ohne dass diese es bemerken. Besonders beunruhigend ist die Qualität von Social-Engineering-Angriffen, die dank KI präzise und überzeugend auftreten. Für Deutschland bedeutet das eine erhebliche Zunahme mobiler Risiken. Und das nicht nur für Verbraucher, sondern auch für Unternehmen, die das Smartphone zunehmend als geschäftskritisches Arbeitsgerät nutzen.
Fazit: Europas digitale Souveränität entscheidet sich im Jahr 2026
Die zunehmenden Spannungen, die fortschreitende Digitalisierung und der rasante Einsatz von KI machen 2026 zu einem Jahr, in dem Cybersicherheit zum fundamentalen Bestandteil staatlicher und wirtschaftlicher Stabilität wird. Für Deutschland heißt das: Investitionen in Resilienz, klare Prozesse, starke Partnerschaften und ein ausgeprägtes Bewusstsein für hybride Bedrohungen sind nicht länger optional, sondern zwingend erforderlich.
Nur wenn Staat, Wirtschaft und Forschung gemeinsam handeln, kann Europa seine digitale Souveränität sichern und den Herausforderungen eines Jahres begegnen, das Cyberangriffe zu einem zentralen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Faktor macht.