Nach dem Drohnenvorfall am Leipziger Airport kritisierten Medien, dass Besucher-Rundfahrten in „geheimste Bereiche“ angeboten wurden. Unmittelbar nach der Berichterstattung kündigte der Aiport an, diese Touren einzustellen. Angesichts dessen, dass auch andere Branchen und Unternehmen einen Blick hinter die Kulissen anbieten, sprach der Sicherheits-Berater mit Torsten Hiermann darüber, ob dahingehend ein Umdenken erforderlich ist. Hiermann empfiehlt nicht nur einen Blick auf die Täterperspektive, sondern auch auf unterschiedliche Akteure.

CriseConsult ist Mitglied in der Allianz für Sicherheit in der Wirtschaft West und Kooperationspartner der Simedia Akademie.
Torsten Hiermann ist Geschäftsführer von CriseConsult und Gastautor des Sicherheits-Berater.
In einem Medienbericht wurde der Flughafenbetreiber kritiisiert, von einer Sicherheitslücke war die Rede und von Führungen in „geheimste Bereiche“. Wie bewerten Sie das?
Flughäfen sind aufgrund der Weitläufigkeit ihrer Areale in aller Regel einsehbar. Hinzu kommen Besucherterrassen, Fluggäste, Beschäftigte am Airport. Es wird mit einem vertretbaren Aufwand nicht möglich sein, Beobachtungen und „Auskundschaften“ zu verhindern. Und grundsätzlich erforderlich ist dies auch nicht. Anders verhält es sich mit sicherheitsrelevanten Einrichtungen oder Vorgängen. Mit Blick darauf, dass viele kleine Bausteine aus unterschiedlichen Quellen ein Gesamtbild ergeben können, ist man gut beraten, dies in der Sicherheitsphilosophie und Sicherheitsarchitektur zu berücksichtigen. Die Sicherheitskonzepte an Flughäfen sind im Wesentlichen darauf ausgelegt, einen unkontrollierten Zutritt und das unkontrollierte Einbringen von Objekten in Sicherheitsbereiche zu verhindern. Der Fokus liegt auf der „Luftsicherheit“.
Gleichzeitig ist die „Target Attractiviness“ von Flughäfen hoch, nicht ohne Grund zählen große Flughäfen zur Kritischen Infrastruktur. Aus Täterperspektive zählt dabei nicht nur ihre wirtschaftliche Bedeutung, sondern auch ihre symbolische.“
Sie sehen also Handlungsbedarf?
Nicht grundsätzlich. Aber vor dem Hintergrund sowohl hybrider Bedrohungen als auch extremistischer Aktionen ist es sinnvoll, Sicherheitsmaßnahmen an aktuellen Entwicklungen und Bedrohungspotenzialen zu spiegeln und dabei auch weitere Risikoszenarien in den Blick zu nehmen. Dazu zählt dann beispielsweise die Frage, welche Vorgänge und Prozesse heute ’sichtbar‘ sind und welche davon gegebenenfalls künftig besser vor Einsichtnahme geschützt werden sollten. Dies gilt ganz allgemein, nicht nur für Flughäfen.
Es wäre klug, das, was gezeigt und vor Ort erläutert wird, aus einer Täterperspektive zu betrachten und zu bewerten
Stichwort Leipzig. Dort hat man die Touren für Besucher eingestellt. Ist das gerechtfertigt?
Der Airport Leipzig ist eine zentrale Drehschreibe für den Frachtverkehr und spielt eine herausragende Rolle in Zusammenhang mit der Versorgung der Ukraine. Die Frage also, was Besuchergruppen beobachten können und ob dies unter den gegenwärtigen Umständen klug ist, hat ihre Berechtigung. Denn wie gesagt: Auskundschaftung funktioniert über das Zusammenfügen vieler kleiner Bausteine, auch aus öffentlichen Quellen. Insofern ist die Konsequenz, Rundfahrten über das Vorfeld-Gelände zunächst einzustellen und einer neuen Bewertung zu unterziehen, vollkommen richtig.
Umgekehrt bedeutet dies jedoch nicht, dass nun an allen Flughäfen oder anderen Einrichtungen Rundfahrten oder Besuchsprogramme eingestellt werden sollten. Aber es wäre klug, das, was gezeigt und vor Ort erläutert wird, aus einer Täterperspektive zu betrachten und zu bewerten. Darauf basierend kann dann eine Entscheidung getroffen werden, ob Anpassungen vorzunehmen sind.
Ich halte das im Übrigen für einen selbstverständlichen Vorgang. Die Neubewertung bestehender Sicherheitsmaßnahmen gerade im Lichte aktueller Ereignisse und Erkenntnisse ist ein übliches Vorgehen.
Sie nennen in diesem Zusammenhang auch Aktivisten…
Nicht mit Blick auf den Vorfall in Leipzig. Aber wir müssen damit rechnen, dass Drohnen künftig von weiteren Akteuren als Tatmittel genutzt werden. Heute sind Sabotageaktionen beispielsweise aus dem linksextremistischen Spektrum noch von ‚Low-tech-Angriffen‘ geprägt; da kommen Brandsätze mit primitiven, aber funtionalen Zündmechanismen zum Einsatz. In dem Maße, wie sich Unternehmen gegen solche Angriffe wappnen, werden die Täter neue Methoden und Technologien anwenden. Der Einsatz von Drohnen ist da naheliegend.
Danke für das Gespräch!