Bei der Lektüre Deiner Dissertation (vgl. das Abstract dazu) bin ich über das „5.0“ gestolpert. Wie definieren sich die einzelnen Evolutionsstufen? Hat man sich das analog zur Industriellen Revolution vorzustellen?
Ja genau, die Parallele zu den industriellen Revolutionen ist hier ganz bewusst gewählt. Die Hochwasserbewältigung und -vorsorge 5.0. hat also den 4.0-Ansatz der Digitalisierung weitgehend umgesetzt und diesen um eine soziale Komponente, die 5.0, erweitert. Dabei greift die 4.0 die Digitalisierung systematisch auf. Beispiel: Sensorik liefert Echtzeitdaten und speist KI-gestützte Vorhersagen. Die 5.0 geht darüber hinaus und versteht Resilienz als Zusammenspiel technischer, organisatorischer und sozialer Komponenten. Die Bevölkerung wird nicht nur informiert, sondern befähigt und eingebunden. Das ist der große Sprung: Von „für die Menschen“ hin zu „mit den Menschen“.
Du schreibst von einem „siebenjährigen Forschungsprozess“ – wie bist Du ursprünglich zu dem Thema gelangt – oder es zu Dir?
Schon im Studium hat mich das Thema Wasser sehr beschäftigt, weil es so essenziell für den Menschen ist. Ich habe Wirtschaftsingenieurwesen, Fachrichtung Bauingenieurwesen mit Vertiefung Wasserwesen studiert. Schließlich habe ich das Hochwasser als Lebensaufgabe gefunden. Ich habe auch im Jahr 2019 schon ein Projekt zur digitalen Hochwasserbewältigung an der Ahr beantragt, das Projekt wurde aber leider abgelehnt. Das Hochwasser 2021 hat mir dann noch einmal gezeigt, dass ich mit meinen Themen auf dem richtigen Weg bin und es eine wichtige Sache ist, hier weiterzuforschen. Außerdem sind bei dem Ereignis sehr viele wichtige Daten entstanden, auf denen ich meine Forschung weiter aufbauen konnte. Ich wollte weiter herausfinden, wie man technische, soziale und kommunikative Potenziale besser verzahnen und ausbauen kann.
Du erwähnst im Abstract gleich eingangs „gravierende Schwächen im bestehenden System“. Was sind die Bedeutendsten aus Deiner Sicht? Welche müssten am Dringendsten abgestellt werden?
Die größte Schwäche ist meiner Meinung nach der mangelnde Brückenschlag zwischen Wasserwirtschaft, Katastrophenschutz und Bevölkerung. Hier wird oft nebeneinander statt miteinander gearbeitet, weil es in der Vergangenheit auch nicht viel Notwenigkeit dafür gab. So extreme Ereignisse wie das Hochwasser 2021 brauchen aber genau diese Schnittstellen zwischen den Fachrichtungen. Hinzu kommen unklare Zuständigkeiten, fehlende Kommunikationsstandards, kaum geübte Schnittstellen und digitale Defizite – etwa bei der Informationsweitergabe in Echtzeit. Am Dringendsten ist aus meiner Sicht der Aufbau integrierter Kommunikations- und Koordinationsstrukturen, die auch im Alltag funktionieren – nicht nur im Ausnahmezustand. Das haben wir im Rahmen des vom BMBF geförderten INFRAH-Projekts schon sehr vorbildlich umgesetzt. Hoffentlich werden hier die Ergebnisse auch Strahlkraft in andere Städte und Kommunen haben.
Was sind die wichtigsten Verbesserungsvorschläge, die sich aus Deiner Forschung ableiten?
Ich versuche es in drei Vorschlägen zusammenzufassen: Erstens, eine standardisierte Fachberatung Wasserwirtschaft, die die Stäbe fachlich und praxisorientiert berät und die eine plausible, auf die Region zugeschnittene Datengrundlage nutzen kann. Ideal wird hier mit einem KI-Vorhersagesystem gearbeitet, wie es zum Beispiel die Firma FloodWaive anbietet. Zweitens ist die Nutzung von Social Media nicht nur als Informationskanal, sondern auch als Lagebildquelle, inklusive Aufbau eines ehrenamtlichen, einsatzfähigen Medienteams eine sehr gute Sache. Drittens: Eine reichweitenstarke, kontinuierliche Bildung zum Thema Hochwasser über digitale Kanäle, um Vorsorge und Resi-lienz schon im Alltag zu fördern. Wer hier eine Blaupause braucht, kann sich gerne meinen Bildungskanal „HochwasserTok“ anschauen, den ich hierfür angelegt habe (hochwassertok.de, auch auf u.a. TikTok und Instagram).
Was sind FwDV 100 und was beschreibt das AVDASA-Phasenmodell?
Die FwDV 100 ist eine Dienstvorschrift der Feuerwehr zur Führungsorganisation im Einsatz. Sie regelt, wie Einsatzleitungen strukturiert sind. Ich habe auf dieser Grundlage das Rollenprofil einer „Fachberatung Wasserwirtschaft“ entwickelt. Das AVDASA-Phasenmodell ist ein Prozessmodell zur Katastrophenbewältigung der Katastrophenforschungsstelle aus Berlin und ist in sechs Phasen, vom Alltag 1 über die Vorbereitung, Definition, Aktion und Stabilisierung einer Katastrophe bis hin zum Alltag 2 gegliedert. Ich habe das Phasenmodell in meiner Arbeit visuell und inhaltlich überarbeitet, um es praxisnäher und für alle Akteure verständlich nutzbar zu machen. Dann habe ich es auf die Hochwasserbewältigung angewendet und gesehen, welche Akteure insbesondere früher aktiv werden müssen.
Was ist ein „reales Planspiel“? Wie sah das damals aus?
Ein reales Planspiel ist eine organisierte Übung mit echten Akteuren, bei der ein Szenario durchgespielt wird, als ob es echt wäre. In unserem Fall: ein fiktives Hochwasserereignis. Dabei haben die Fachleute aus der Wasserwirtschaft gemeinsam mit denen aus dem Katastrophenschutz geübt. Ziel war es, die Zusammenarbeit unter realen Bedingungen zu beobachten und Verbesserungspotenziale zu identifizieren.
„Social Media als Lagebild- und Kommunikationsinstrument finde ich äußerst spannend.“ Ich kannte bislang nur den Fall, dass Social Media in der Krisenkommunikation eng „gemonitored“ werden, um die Reaktionen der Bevölkerung auf z. B. sog. „selbstmeldende Ereignisse“ möglichst frühzeitig zu erkennen. Um welche „digitalen Werkzeuge“ geht es konkret? Was sind ScatterBlogs, was sind FloodTags?
Zum Einsatz kam zum einen ScatterBlogs als Plattform, die in Echtzeit Social Media-Beiträge räumlich und thematisch filtert. Zum anderen FloodTags, das für die nachträgliche Analyse von Hochwasserereignissen besonders geeignet ist. Zudem habe ich ein Peer-Netzwerk für Social Media-Manager aus der Wasserwirtschaft aufgebaut, um den übergreifenden Austausch über Inhalte, Reichweite und Prozesse zu fördern.
„Niedrigschwelliges Bildungsangebot“ via TikTok und Instagram glaube ich verstanden zu haben. Aber inwiefern wird dadurch die Bevölkerung „Mitgestalterin von Resilienz“?
Indem Menschen aktiv ins Lernen und Handeln gebracht werden, weil sie die Information verständlich und niederschwellig erhalten. Ein TikTok-Video über Notfallvorsorge erzeugt Kommentare, Diskussion und Reichweite. Es bringt die Themen weiter in die Mitte der Gesellschaft. Wenn junge Leute anfangen, ihren Familien davon zu erzählen oder sich selbst vorbereiten, sind das auch wichtige Schritte zur Mitgestaltung. Resilienz beginnt nicht im Krisenstab, sondern bei jedem Einzelnen, der in die Lage versetzt wird, sich selbst zu helfen.
Was ist ein VOST-Modul?
VOST steht für Virtual Operations Support Team. Das sind digitale Einsatzteams, die in Krisen Social Media monitoren, Inhalte prüfen und einsatztauglich aufbereiten. Ich habe ein VOST-Modul in meinem Hochwasserbewältigungskonzept beschrieben und dargelegt, wie man solche Teams lokal verankert, digital ausbildet und in bestehende Strukturen integriert.
Kannst Du die Hochwasserkatastrophe an der Ahr einordnen?
Inwiefern hätten Deine Forschungsergebnisse hier helfen können?
Die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal hat gezeigt, was passiert, wenn Kommunikation, Zuständigkeiten und Vorwarnsysteme versagen bzw. endsprechende Strukturen nicht vorhanden sind. Einige meiner Lösungsansätze, wie die Fachberatung Wasserwirtschaft, Social Media-Monitoring und die digitale Bildungsarbeit hätten konkret zur Schadenminderung beitragen können. Die Katastrophe war ein tragischer Weckruf und zugleich ein Prüfstein für viele der entwickelten Ansätze.
Hast Du Kontakt zur dortigen Verwaltung und/oder zu den Rettungsdiensten aufgenommen?
Ich stand mit verschiedenen Akteuren in Kontakt, sowohl im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung als auch bei Workshops oder Netzwerktreffen. Vor allem forschungstechnisch war das Ahrtal sehr ausgelastet, weil natürlich alle Institutionen dort wichtige Daten sammeln wollten. Dabei ist auch aufgefallen, dass das Thema Wiederaufbau und Aufarbeitung der Geschehnisse weiter im Vordergrund stehen, also weit mehr als Resilienz und Vorsorge für die Zukunft zu betreiben. Beziehungsweise es sind dafür auch keine Kapazitäten, Personal etc. da. Falls hier aber in der Zukunft Bedarf besteht, berate ich natürlich gerne.
Wie sind die bisherigen Rückmeldungen von Verwaltung oder Industrie – sofern es welche gibt?
Überwiegend positiv. Viele begrüßen die Verknüpfung technischer und sozialer Innovation. Besonders praxisnah fanden Fachleute das Planspiel und die Social Media-Strategien. Was oft angemerkt wird: Es braucht Ressourcen und politische Rückendeckung, um solche Konzepte auch wirklich umzusetzen. Es liegt also bei den politischen Entscheidungsträgern, dies weiter voranzutreiben.
Was von Deinen Erkenntnissen lässt sich vom Thema Hochwasser übertragen auf
a) andere Katastrophenlagen
oder sogar
b) auf andere Themenfelder der Unternehmenssicherheit?
a) Sehr viel – denn die Grundprinzipien wie Kommunikation, Koordination, digitale Unterstützung, Bildung der Bevölkerung, lassen sich z. B. auf Stromausfälle, Waldbrände oder Pandemien übertragen.
b) Auch in der Unternehmenssicherheit ist Resilienz mehr als Technik: Es geht um Kultur, Kommunikation und Adaptionsfähigkeit. Meine Erkenntnisse können helfen, starre Strukturen zu hinterfragen und neue Lösungen gemeinsam mit Mitarbeitenden zu entwickeln.
Warum sollten sich Verantwortliche für Unternehmenssicherheit und Resilienz mit Design Thinking beschäftigen?
Weil Design Thinking den Perspektivwechsel fördert. Statt Probleme isoliert technisch zu lösen, bezieht man alle Beteiligten ein, von der IT über die Kommunikation bis zu den Beschäftigten. So entstehen Lösungen, die nicht nur funktionieren, sondern auch akzeptiert und angewendet werden. Gerade in sicherheitsrelevanten Bereichen ist das entscheidend.
Danke für das Gespräch.
Danke für die Möglichkeit über meine Themen zu sprechen.