Liebe Leserinnen und Leser,
Zugfunk ausgefallen – und alles steht still: Als ich dies am Abend des 23.06. las, musste ich an den Artikel einer Berliner Tageszeitung vom November 2022 denken. Darin wurde bereits die Anfälligkeit des Systems gegenüber Sabotagen und Angriffen von außen beschrieben. War dies also der nächste Angriff auf die kritische Infrastruktur? Doch am nächsten Morgen wurde bekannt, dass „nur“ etwas bei einem Softwareupdate schiefgelaufen war.
Mir kamen etliche Fragen in den Sinn. Zum Beispiel: Warum arbeitet die Bahn heute noch mit einem 2G-Standard? GSM-R ist eine Mobilfunktechnik aus den Neunzigern, die auf die Bahn zugeschnitten ist.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das auf einigen Strecken eingesetzte Zugsicherungssystem „ETCS Level 2“ (European Train Control System) ebenfalls ab und zu ausfällt. Warum müssen auch hier die Verantwortlichen vor Ort jedes Mal ins Schwitzen kommen? Zuverlässigkeit beginnt nicht im Umgang mit dem Regelfall, sondern mit dem Verständnis von Handlungen bei Störungen und Ausfällen.
Bei allen IT- und sicherheitstechnischen Applikationen mit IT-Bezug ist es heute Standard, vor dem Aufspielen von Updates sogenannte Testroutinen außerhalb der Live-Umgebung durchzuführen, um Fehler frühzeitig zu erkennen. Warum wurde dies nicht umgesetzt? Oder ist dies bei einem solchen System nicht üblich? Es ist nachvollziehbar, dass die Einführung und Migration auf ein neues System – ein 5G-System namens FRMCS (Future Railway Mobile Communication System) – eine Aufgabe für mehrere Jahre ist. Mittlerweile haben wir in allen sensiblen und kritischen Arbeitsbereichen Redundanzen. Gibt es tatsächlich keine Notfallplanung für den Ausfall des primären Systems?
Nicht alle Bahnunternehmen nutzen das System der Deutschen Bahn. Warum also die Systeme gemeinsam nutzen? Wettbewerb soll schließlich wirtschaftliche Lösungen hervorbringen. Stärkt aber nicht eine resiliente Technik und Organisation das Geschäft aller Beteiligten?
Wenn der Bahnverkehr des Haupt-Infrastrukturbetreibers von einem einzigen Funknetz abhängig ist, muss man täglich damit rechnen, dass es durch interne oder externe Einflüsse zum totalen Stillstand kommt. Dies muss sich schnell ändern.
Wie nach Redaktionsschluss bekannt wurde, war die Ursache des Falles der planmäßige Tausch eines Switches. Als Folge des Austauschs sei ein Softwarefehler aufgetreten. Dieser habe aber nicht wie eigentlich vorgesehen eine automatische Fehlermeldung nach sich gezogen, weshalb das betroffene System nicht auf ein Parallelsystem umgesprungen sei. Dieser Wechsel habe stattdessen manuell vollzogen werden müssen.
Die Schlussredaktion